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9.2.23 Dibelius

Unter dem 8.2.2023 erschien in der Beilage Geisteswissenschaften der FAZ ein dreispaltiger Tagungsbericht über Otto Dibelius unter der Überschrift: »Zu schade zum Einreißen.«. Unterzeile “Das Mitglied des Herrenklubs machte sich als konservativer Revolutionär selbst zum Bischof. Man muss den Artikel nur überfliegen, um zu erkennen, wohin der Berichtshase läuft.

Ein Foto über allem zeigt einen im besten Falle komischen, möglicherweise auch angeschickerten Dibelius. Von kleiner Statur, feistes Doppelkinn, Mund und Lutherrock offen, das Bischofskreuz verrutscht – lächerlicher kann man einen Bischof kaum machen. Neben ihm eine Riese im schlotterndem Outfit mit gefönter Hochfrisur, doch ein theologischer und intellektueller Zwerg. Was man schon lange vor dem Erscheinen des Faz-Tagungsberichtes wußte.

In dem findet sich praktisch nichts über die Rolle von Bischof Dibelius im Zusammenhang mit der Bekennenden Kirche, also dem Teil des Protestantismus, der im Widerstand gegen Hitler stand. Otto Dibelius zeichnete sich dabei durch besonderen Mut aus. Den zeigte der Bischof auch in seinen Begegnungen bzw. Verhandlungen mit der sowjetischen Besatzungsmacht nach dem Zusammenbruch 1945. Ein noch zu schreibendes Kapitel, der das Zeug für eine Netflix-Serie besitzt.

Im FAZ-Bericht sucht man vergeblich einen Hinweis auf die Rolle des Bischofs der Berlin-Brandenburgischen Kirche für die Zeit zwischen Ende des Zweiten Weltkrieges und dem Oktober 1957. An einem Sonntag mussten alle DDR-Bürger ihr Bargeld in neue, andersfarbige Scheine umtauschen. Damit waren auf einen Schlag die in West-Berlin lagernden DDR-Banknoten wertlos – ein Desaster auch für die Kirche. Im Rückblick wirkte das wie die Generalprobe für den 13. August 1961 mit dem Bau der Mauer.

Der Amtssitz des Bischofs wie das Konsistorium befanden sich in Berlin Charlottenburg, Jebenstraße 2, also in West-Berlin. Zu Konferenzen unter Leitung von Dibelius wurde regelmäßig in den Westteil der Stadt eingeladen. Dazu mussten die Superintendenten aus den umliegenden Kirchenkreisen anreisen, die allesamt auf DDR-Gebiet lagen. Bis zum 31. August 1961 war das grundsätzlich möglich. Es gab wohl Kontrollen an den Grenzen, aber man konnte sie auf der Straße, der Reichsbahn (wie sie in der DDR weiterhin hieß), wie mit der S- und U-Bahn passieren.

Diese Seiten zeigen ein anderes Bild des Berliner Bischofs. Da sind einmal die Fotos vom Festakt zur Einweihung der neu gestalteten Johanniskirche im Jahre 1953. Dann durch den Auszug aus dem „Goldenen Buch“. Der dokumentiert, dass der Flügelaltar von St. Johannis ein Geschenk des Bischofs Dibelius ist. Wobei man unterstellen darf, dass dessen Kosten auch die Möglichkeiten einer bischöflichen Portokasse überstiegen.

Hier soll die These vertreten werden: Das Gesamtkunstwerk der Johanniskirche und die Beauftragung von Gerhard Olbrich mit dessen Gestaltung gehen auf Bischof Dibelius zurück. Das lässt sich belegen bzw. plausibel machen. Man darf an Schiller denken, der in seinen Xenien „Kant und seine Ausleger“ schreibt: »Wenn die Könige baun, haben die Kärrner zu tun«. Zu denen zählte auch mein Vater Günter Krolzig.

Die nähere Begründung der hier vorgestellten These bleibt einer späteren Arbeit vorbehalten. Wozu auch die kunstgeschichtliche Einordnung des Gesamtkunstwerkes St. Johannis zu Niemegk gehören wird.

P. S. Auf einem Foto sieht man Bischof Dibelius beim Festakt in St. Johannis Bisher konnte ich die schriftliche Fassung der Predigt nicht auftreiben. Besonders bedauerlich, denn er galt als besonders begnadeter Prediger.

P.S. Hier der ganze Text jenes unsäglichen FAZ Artikels vom 8.2.23. Wirkt wie Streumunition.

© Martin Krolzig