Blog

17.10.23 Schulzenernst-II.

Der Angel-Tag mit Schultzenernst begann am Sonntag morgens gegen 4 Uhr. Den Wecker neben dem Bett hörte der Junge meistens nicht. Mutti wiederum weigerte sich mitten in der Nacht aufzustehen, um auf den Bachboden zu seinem Schlafzimmer neben dem Taubenschlag zu steigen.

Da Not bekanntlich erfinderisch macht, schlug er ihr vor, daß er sich eine Strippe um den Fuß binden könne, die neben ihrem Bett ankam. Wenn er zurückzog würde sie wissen, daß er wach war. Darauf ließ sie sich ein. Im Gegenzug mußte er ihr versprechen, zum Gottesdienst um 10.00 Uhr zurück zu sein.

Er sprang aus dem Bett, an Zähneputzen dachte er genauso wenig wie an Frühstücken. Nur raus zu Schulzenernst. Der Junge wußte, daß der schon seit 2 Uhr am Wasser saß.

In der Hand hält er seine lange Angel aus der Haselnußrute. Am Gürtel seine Anglertasche. Darin die unterschiedlichen Haken und verschienen Posen. Auch eine Büchse mit Würmern. Jetzt vorbei an Schulzenernst’s Haus in der Pfarrstraße. Die Hunde liegen bestimmt noch in den Betten. Jetzt rechts rum.

Hintenrum ist schnell erreicht. Hier öffnet sich der Weg in die Wiesen. Über ihnen die Schwaden des Morgennebels. Er folgt einem schmalen Feldweg, den er jedoch bald wieder verlassen muß. Quer muß er jetzt über einen holprigen Acker. Vor sich sieht er schon die Weiden um die alten Lehmkieten. Plötzlich zuckt er zusammen. Ein Hase ist direkt vor ihm aufgesprungen. Den Schreck spürt er heute noch. Der Junge bückt sich und faßt in die warme Sasse. Genau wie sein Bett, denkt er.

Noch über einen längeren, querlaufenden Hügel. Dann weitet sich der Blick auf die Wasserfläche der große Lehmkiete. Hinten sieht er einen großen Schaufelbagger. Darunter die Gleise mit den Loren und den Moppel davor. Den durfte er mit Schulzenernst auch schon mal in der Woche fahren. Was für ein Krach! Alles machte ihm Spaß.

Doch jetzt ist alles still. Gleich bist du bei ihm, denkt er. Als Schulzenernst ihn sieht winkt er und gibt irgendwelche Zeichen. Schnell erfährt er, was passiert ist. Ein Karpfen hatte gebissen. Der zog schnell viel Schnur von der Rolle. Bremsen war kaum möglich; es muß sich um einen großen Fische handeln. Plötzlich zog er nach links in den Schilfgürtel. Zieh dich aus und mach ihn frei, ruft ihm Schulzenernst zu.

Klamotten runter und schnell in das dunkle, warme Wasser. Ihm ist unheimlich. Er hat Angst auf irgendwas zu treten. Neben ihm im Schilf flüchtet eine Rohrdommel aus ihrem Nest. Doch für das kunstvolle Gebilde hat er keinen Blick. Tauch runter und mach ihn frei, ruft Schulzenernst. Plötzlich rutscht er ab. Was er völlig vergessen hatte: Das Ufer in den Lehmkiete fällt schnell und tief ab. Mit den Beinen rudert er plötzlich kaltem Wasser.

Er schaut zu Schulzenernst rüber. Der hält die Angel mit beiden Händen und gibt wieder Schnur von der Mulirolle. Durch seine Aktion muß der Karpfen freigekommen sein. Der Kampf zwischen beiden zieht sich noch eine Weile hin. Irgendwann wird der Fisch müde. Halt den Kescher ins Wasser, nein tiefer, noch tiefer. Er weiß, was Schulzenernst vorhat. Er zieht den Karpfen langsam über den Kescher. Der Junge hebt ihn schnell hoch.

So einen großen hat der Junge noch nie gesehen. 26 Pfund wird er später von Schulzenernst erfahren. Pass auf, dass er nicht wieder reinfällt. Der Junge löst den Haken aus dem nach Luft schnappenden Maul. Schulzenernst steht mit dem Messer daneben, dreht ihn mit der Unterseite nach oben und sticht ihn ab. Richtig tief hat er das Messer hineingestoßen, das er nun nach rechts und links hin und her und wieder zurück bewegt. Das herauslaufende Blut bildet eine immer größer werdende Lache, um dann im Boden zu versickern. Ein richtiger Schlachtplatz, denkt der Junge. Die Ränder von dem vielen Blut der geangelten Fische der letzten Zeit erkennt man noch genau.

Da hockt er wie ein märkischer Buddha…

Vor ihnen drei Angeln, zwei für Karpfen ausgelegt. Als Köder hing an je einem Drilling Käse. Aus einem Zeitungsblatt wickelt Schulzenernst ein größeres Stück. So nannte man in Niemegk den Zentrifugenschleim aus der Molkerei, weil er auch genauso riecht. Ob er auch so schmeckt? Niemand wäre auf den Gedanken gekommen, einmal davon zu kosten. Da er als giftig galt, warfen ihn die Molkereileute auf den Mist. Doch in Niemegk schmiss man nichts weg; alles konnte irgendwann von irgendwem gebraucht werden. Der Zentrifugenschleim lag schon am nächsten Tag nicht mehr auf dem Abfallhaufen.

Schulzenernst schneidet ein wallnußgroßes Stück zurecht, dann rundet er die Ecken ab. Als Köder ist Käse ideal, weil er beim Auswerfen nicht vom Haken fällt. Jedenfalls in der Regel und man den Haken richtig reingezogen hatte. Gerade die großen Karpfen stülpen ihr Maul darüber, prüfen dann das Stück, können es auch schonmal wieder ausspucken. Das alles kann man an der Bewegung der Pose erkennen.

…und der Junge tut`s ihm gleich.

Aus dem Jungen sprudelt eine Frage nach der anderen. Alles will er über Fische & Angeln wissen. Er weiß, dass er nicht laut sein darf. Deshalb flüstert er.

Schulzenernst schweigt und schaut auf’s Wasser zu den Posen. Irgendwann, du verscheuchst die Fische, nimm deine Angel und such dir einen andern Platz.

Unter der Birke im gehörigen Abstand doch mit Blickkontakt zu Schulzenernst fand er einen. Hier fing er kleine Barsche und größere Rotfedern. Einmal sogar eine grünlich schimmernde Schleie. Einen solchen Fisch hatte er noch nie gesehen. Der sei hier ziemlich selten, erfährt er.

Die Mutter briet sie ihm. Doch wegen der vielen Gräten verging ihm schnell der Appetit. Doch sie bestand darauf: Was auf den Tisch kommt wird gegessen. Den Satz konnte er nicht merhr hören. Doch er hütete sich den Mund aufzumachen. Auch, weil er nur die halbe Wahrheit darstellte.

Seine geangelten Fische bereitete Mutti für die Familie zu. Dabei gab sie sich viel Mühe. Es gefiel ihm, wie sie die kleinen Barsche, eben nicht wie andere Angler-Muttis kleinschnitt und an die Hühner verfütterte, sondern sie erst kochte, dann von den wenigen Gräten löste und mit Gewürzen zu einem Salat verarbeitete. Seine Rotfedern, von ihm unter ihrer Anleitung in Ei und Mehl gewälzt, briet sie knusprig. Gar nicht so einfach auf dem eisernen Herd mit den vielen Ringen über der Holzglut. Anbrennen ließ Mutti nichts. Doch die Zweideutigkeit des Satzes kannte der Junge damals noch nicht. Mutti bestimmt auch nicht.

Einmal kochte Mutti einen Karpfen, der ihm Schulzenernst geschenkt hatte. Ein kleinerer so zwischen drei und vier Pfund. Nachdem er ihn ausgenommen hatte, stopfte sie ein Fülsel aus Brötchen und Ei hinein. Die Familie empfand ihn als zu fett und zu labberig. Der Junge schaffte ein paar Gabeln, dann ging nichts mehr.

Er wollte angeln und keine Fische essen. Vor allem keine selbstgefangenen. Da sperrte sich in ihm alles.

Mit reicher Beute. Früher Abschied vom Wasser

Der Junge schaut auf seine Uhr. Eigentlich kaum noch zum Gottesdienst zu schaffen und rennt los. Da hast du noch mal Glück gehabt, Freundchen. Mutti läuft mit dem aufgesetzten Hut bereits vor der Haustür hin und her.

Beide benutzen die mittlere Tür von St. Johannis. Hindurch zwischen dem Täufer und dem Evangelisten an der Wand. Die Orgel spielt schon. Sie setzen sich auf ihren Stammplatz hinten links. Lehmkieten, Schulzenernst und die Karpfen alles vorbei. Jetzt schlug er sein Gesangbuch auf und stimmte in den Eingangschoral “Liebster Jesus wir sind hier” ein.

Ein Wort zu den Fotos. Die machte der Vater. Hier sieht man ihn anläßlich seines Besuch in den Lehmkieten, fotographiert von dem Jungen. Der Abzug steckte in seinem Album.

Mutti wäre nie auf den Gedanken gekommen, den Jungen bei Schulzenernst zu besuchen . Sein Vater schon. Dafür bot sich ein staatlicher Feiertag wie der 1. oder 8. Mai an. Da mußte er nicht predigen.

Er fotographierte gern. Mit seiner Adox machte er vor allem Porträtaufnahmen. Alle Abzüge in 6 × 9 in seinem Belziger Foto-Geschäft Fischer hergestellt und gestempelt. Hier kaufte er auch die Aufbewahrungsboxen, in denen sie noch heute stecken.

Die meisten Fotos scanne ich selbst. Doch an den Bildern von den drei großen erkannte ich die Grenzen meiner Möglichkeiten. Diese Scanns erstellte Thomas Gerlach, Inhaber des Düsseldorfer Studios Digitaldruckundso. Er zeigte sich einmal wieder nicht nur als Profi, sondern als alter, bewährter Freund der Familie.

© Martin Krolzig