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17.6.23 Abgedunkelt

Der Vater auf der Rückbank der Limousine
Mein Vater, Sohn von Gustav Krolzig, einem erfolgreichen Holzhändler und Goldmarkmillionär, besuchte in Berlin das Graue Kloster. Das Elitegymnasium in der Hauptstadt der Hohenzollern..
Um 1770 wurde neben der Franziskaner-Klosterkirche ein neues Gebäde errichten. 1819 schenkte Friedrich Wilhelm III. dem Gymnasium das „Lagerhaus“, in dem naturwissenschaftliche Lehrsäle, Bibliothek und Aula beheimatet waren. Der neugotisch ausgezierte Raum der Aula nach Konzept von Karl Friedrich Schinkel wurde mit Werken von Berliner Bildhauern ausgestattet, u. a. einer Luther-Statuette von Johann Gottfried Schadow und Standbildern der zwölf Apostel von Theodor Kalide sowie Werken von Christian Daniel Rauch und Ludwig Wichmann.
Um 1900 wurde ein historisierender Anbau errichtet. Das Schulgebäude sollte sich harmonisch in die alte Gruppe des Grauen Klosters einfügen. Man wollte den gotischen Charakter des ganzen Ensembles unterstreichen. Deshalb wählte man als Baumaterial märkischen Backstein.
Doch der Sohn, geboren 1905, brach mit der Welt des Vaters.. Er verzichtete auf das Millionen-Erbe zu Gunsten seines Bruders Werner. Er trat in die SPD ein und wurde ein wilder Genosse, wie es ein Beobachter damals ausdrückte. Damit nicht genug. Nach dem Abitur studierte er Theologie.
Sein Vater war bereits 8. Januar 1923 an einem Schlaganfall gestorben. Meta Schöndau, seine Witwe, heiratete nicht wieder. Sie starb in den Sechzigern des vorigen Jahrhunderts in Berlin.

Dies Foto schickt er seiner Mutter unter dem 14. Dezember 1929. Man darf annehmen voller Stolz. Der Wingolf gehörte zu den nicht schlagenden Verbindungen.

Das schrieb er der Mutter auf die Rückseite des Bildes

Hier der Student noch einmal mit den Insignien der Verbindung.. Doch er reiht sich nicht bei den Konservativen ein. Im Gegenteil. Nach Abschluss des Studiums übernahm er kein Pfarramt. Vielmehr trat er aus der Kirche aus.
In Berlin-Zehlendorf gründete er eine Heim-Volks-Hocchschule nach dänischem Vorbild. Hier lebten bildungsorientierte Arbeiter in einer Männer WG. Das einzige weibliche Wesen war meine Mutter. Private Räume gab es nicht. Ob schlußendlich die Mutter das Experiment beendete oder der Vater selbst?
Was er danach machte, bleibt im Dunkeln. Einmal fiel “Hochschule für Politik” auch der Name Theodor Heuss. Mit dem Vordringen der Nationalsozialisten trat er in die NSDAP ein. Wie viele andere Intellektuelle ließ er sich von dem Begriff Sozialismus einnebeln, z.B. Gottfried Benn.
Bald wurde es für ihn gefährlich. Die Nazis beschlossen ein Parteiausschlußverfahren gegen ihn. Das berichtete Anneliese nicht mir, sondern meiner Tochter Sabine.
Mein Vater sprach bis an sein Lebensende nie mit mir über diese Zeit. Auch nicht, wann & wie er zu Kreuze kroch, sprich sprich wieder in die Kirche eintrat. Er wird Pfarrer in Rädigke. Wie gesagt: Die kirchliche wie die weltliche Obrigkeit nutzte den Fläming Anfang des vorigen Jahrhunderts als eine Art Straf- und Bewährungskolonie. Im Falle meines Vaters bin ich mir da ganz sicher.

Die Wende: Auf dem Weg in die Rädigker Kirche, wo er von seinen kirchlichen Oberen in sein Amt eingeführt wird…

…auf dem Weg aus der Kirche, wo alles seinen Segen bekam

Der Neu-Pfarrer auf dem Sandberg vor seiner Rädigker Kirche.

Ein Foto aus der eiskalten Kirche am 23. Februar 1941 anläßlich der Taufe des Sohnes Christoph, Martin, Michael. Namensgebung als Bekenntnis zu den christlichen Wurzeln der Familie.
Irgendwann muß die Bewährungszeit für den Vater bei seinen Berliner kirchlichen Vorgesetzten abgelaufen sein. Doch sie läßt sich auch als Vorbereitung für die neuen Herausforderungen verstehen. Nach Ende des 2. Weltkrieges geht es Niemegk um einen neuen Anfang jenseits aller Zerstörungen. Das Ergebnis läßt sich, zumndest baulich, in dem Gesamtkunstwerk von St. Johannis noch heute besichtigen.
Dem schließt sich die jahrzentelange Auseinandersetzung mit der neuen Obrigkeit an. Die DDR ließ über ihre atheistischen Ziele nie einen Zweifel aufkommen. Sich in diesr Kontroverse zu bewähren blieb die Lebensaufgabe des Vaters.
Ein Pyrrhussieg? Das kann man gegen Ende von 2023 vermuten, aber nicht abschließend beantworten. Aber da ist der Vater, der zuletzt im westlichen Bierenbachtal lebte, schon lange tot. Oder, um es biblisch auszudrücken, zu seinen Vätern versammelt.
© Martin Krolzig