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29.12.25 Zeugnis ablegen

Darauf muß man ersteinmal kommen. »Billy Wilder hat gesagt, er möchte mit 104 Jahren im Bett einer jungen Frau von deren eifersüchtigen Ehemann erschossen werden.” Das Zitat stammt aus dem Kapitel »Der Tod und die Angst davor« und findet sich in Axel Hackes gerade erschienenen Buch »Wie fühlst du dich? Über unser Innenleben in Zeiten wie diesen«. Sie sollten es kaufen und sich Kapitel für Kapitel vornehmen. Es mal auf die Schnelle durchlesen bringt nichts, weil Ihnen dann die vielen Querverweise entgehen würden. Ich fand es übrigens interessant zu erfahren, warum Hacke sich einer jahrelangen Psychotherapie unterzog.

Am Ende lesen wir auch noch, dass Billy Wilder mit 95 an einer Lungenentzündung starb.

Doch in diesem Eintrag wird es weder um Schicksale noch um Überlegungen von mir gehen. Axel Hackes Buch mit dem Todeskapitel ist bestenfalls ein Auslöser. Im Mittelpunkt werden Leben und Sterben von Lydia K. stehen. Beerdigt wird sie am 2. Januar in Krefeld, drei Tage nach ihrem Geburtstag, Lydia, verbunden seit ihrer Schulzeit mit Alex. Dann mit ihm verheiratet.

Vor über 20 Jahren übersiedelten die beiden nach Deutschland. Zusammen mit ihren weitverzweigten Familien. Davor lebten sie in Kasachstan. Russlanddeutsche nennen sie viele bis heute. Welch ein Schwachsinn! Es sind Deutsche. Punkt. Sonst hätte man sie nicht hergeholt und schon gar nicht mit den hier lebenden Bürgern gleichgestellt. Etwa in der Rentenfrage.

Von Kasachstan brachte Alex auch sein Hobby mit. Eines Tages stoppte er mich, weil mich die Aufkleber auf meiner dreirädrigen Ape als Imker erkennen ließen. Ob ich nicht Arbeit für ihn hätte. Er wäre auch Freizeit-Imker. Die Woche über arbeite er in einem Gartenbaubetrieb, wollte sich aber etwas dazuverdienen.

Der Mann kam wie gerufen. Ich konnte nicht länger verdrängen, dass ich mich mit 27 Bienenvölkern und dem großen Garten verhoben hatte. “Mehr Bio geht nicht” wählte ich als Motto für Honig und das selbst produzierte Gemüse. Dazu noch Hühner, die Wildblumenwiese und was weiß ich noch alles.

Alex brachte allmählich Ordnung in das Chaos. Zunächst an den Wochenenden. Er arbeitete in der Rottfeldstraße, als wäre es sein eigener Besitz. Nachdem er Rente bekam, schaffte e auch an den Vormittagen. Immer brachte er Lydia mit. Die litt erkennbar an Parkinson. Manchmal konnte sie an Axels Arm gehen, ein andermal musste er sie tragen. Sie saß dann auf einer Gartenbank oder in meinem Wohnzimmer, am liebsten aber in ihrem Skoda-Roomster. Hier hörte sie russische Volksmusik. Zwischendurch schaute Axel nach ihr. Als wäre das alles die normalste Sache von der Welt.

Im gleichen Stil berichtete er von seinen Nächten mit Lydia. Parkinson verhinderte, dass sie sich bewegen konnte. Also musste er sie ca. fünfmal pro Nacht drehen und auch auf den Topf setzen. Mein Eindruck: Einen erholsamen Schlaf konnten so weder sie noch er finden. Doch nie klagte oder jammerte er. Als wäre das alles für ihn völlig normal und selbstverständlich. Langsam begriff ich: So zeigte sich seine tiefe wie unerschütterliche Liebe zu ihr. Wobei ich das Wort nie aus seinem Mund hörte.

Ob er schon mal daran gedacht habe, sie in ein Pflegeheim zu geben? Ja, das hätte er. Dann berichtete er von einem Besuch in solch einem Heim. Da hätte ein Opa aus seinem Zimmer laut um Hilfe gerufen. Doch die Pflegekräfte hätten ungerührt weiter ihren Kaffee getrunken und sich angeregt unterhalten. Nein, in ein solches Heim wolle er seine Lydia nie geben. Also pflegte er sie selbst. Das klang nicht so, als wolle er sich selbst auf die Schulter klopfen. Sondern, wie schon gesagt, als wäre es für ihn die selbstverständlichste Sache von der Welt.

Dann der Zusammenbruch. Lydia mußte sich ständig übergeben. Sie kam in ein Krankenhaus. Dort stellte man fest, dass eine normale Verdauung nicht mehr möglich war. Deshalb mußte man ihr eine Magensonde transplantieren. Über die wurde sie künstlich ernährt.

Irgendwann stellte sich die Frage ihrer Entlassung. Und vor allem wohin. Die Antwort war für Alex genauso klar wie selbstverständlich: Nach Hause.

Man brachte sie in ihre gemeinsame Zweizimmer-Eigentumswohnung in der Kölner Straße. Dorthin kamen fünfmal am Tag Kräfte von einem professionellen Pflegedienst, um sie über die Magensonde zu ernähren. Alles andere – und das war das meiste – erledigte Alex. Wie z.B. die Entleerung des Beutels, in den der Urin aus dem Dauerkatheder floss.

Irgendwann rief mich Alex an und bat mich vorbeizukommen. Die zwei Zimmer kannte ich. Vor ein, zwei Jahren hatten die beiden meine Frau und mich zum Weihnachtsessen eingeladen. Mit dabei noch seine betagte Mutter und die beiden Kinder plus Anhang. Wir fühlten uns alle pudelwohl. Es gab kein Gefühl der Enge, weil alles bestens organisiert war.

Als ich jetzt wieder in die Wohnung kam, lag Lydia in einem Bett, das von beiden Seiten aus zugänglich war. An der Seite zwei Stühle, an der Kopfseite ein weiterer für Alex. Von dem aus konnte er alles überblicken, stand zwischendurch immer wieder auf, trat zu Lydia und bewegte sie. Er sprach wie immer russisch mit ihr. Ja, sie würde ihn verstehen.

Über allem lag große Ruhe und Frieden. Ich fuhr gerne zu den beiden. Nie hatte ich das Gefühl, einen Krankenbesuch zu machen.

Irgendwann dann der Anruf: Lydia ist gestorben. Nie hörte ich eine Stimme so tieftraurig wie die von Alex am Telefon.

© Martin Krolzig