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14.1.19 Strafen

Pasta, ick hab dir jesehn. Bis heute weiß ich nicht, wer der Mann auf dem Fahrrrad war. Mein Freund und ich kletterten gerade über einen Gartenzaun am Rande des Werders, um ein paar Erdbeeren zu klauen. Damals führte noch ein Feldweg in den Wald. Wir sprachen nicht davon, doch wir kannten ziemlich genau die Stelle, wo nicht weit von hier Schulkameraden mit Überbleibseln aus dem Krieg herumhantierten. Einer spielte mit einer Handgranate. Die explodierte plötzlich und riss ihm einen Arm ab; panisch flohen die anderen.

Noch bevor wir die erste Erdbeere gepflückten hatten, traten wir bei dem Ruf des Fahrradfahrers den Rückzug an. Mir schwante Unheil.

Zu Hause empfing mich unsere Haushaltshilfe. Die Frau Schulze wollte deine Mutter sprechen; du hättest in ihrem Garten Erdbeeren geklaut. Um das drohende Unwetter abzuwenden, ging ich schnell in unseren Garten, pflückte zwei Hände voll Erdbeeren, drapierte sie hektisch in einer Glasschale und machte mich auf den Weg zu den Schulzes. Entschuldigen Sie bitte… und wollte der Frau die duftenden Früchte überreichen. Wir haben gar keinen Garten dort am Waldrand, entgegnete sie genauso irritiert wie freundlich. Wie ein geschlagener Köter schlich ich von dannen.

Wieder zu Hause angekommen erfuhr ich von dem erneuten Besuch der Schrebergärtnerin. Erstaunlicherweise sprach meine Mutter sehr leise und ruhig. Schulzes hätten ein krankes Kind, für das die Erdbeeren bestimmt gewesen seien. Damit wäre es ja nun leider nichts.

Du wirst jetzt eine Woche lang täglich eine Portion Erdbeeren zu den Schulzes bringen, erklärte mir meine Mutter. Zu Fuß und nicht auf dem Fahrrad. Eine Tracht Prügel wäre mir lieber gewesen. Übrigens, es wären die Schulzes, die im alten Kloster wohnten.

Das sog. Kloster gilt als das älteste Gebäude Niemegks. Zu Zeiten des Jungen war es noch bewohnt. Der gegenwärtige Verfalls-Zustand schmerzt.

Die Aufnahme entstand im Januar 2020.

Als Gefängnispfarrer hatte er später Gelegenheit über Strafen und ihre Objekte nachzudenken. Genauso wie über die, die wie die blökenden Schafe Orwells, nach dem Sexualmord an einem Kinde, nach härteren Strafen schreien („den Schwanz mit einem Vorschlaghammer breit schlagen“) genau wie über die, die diesem Druck willfahren. Da fiel ihm immer wieder Nietzsche ein, der die heimliche Freude, einen anderen bestraft zu sehen und mitzuerleben, wie der in seiner psychischen Existenz vernichtet wird, als das das Wohlgefühl bezeichnet, seine Macht an einem Machtlosen unbedenklich auslassen zu dürfen; d.h. es sei die Wollust »de faire le mal pour le plaisir de le faire…« Und er fragte sich, ob er Vergleichbares als Kind erlebt oder ob schon die Vermutung eine abartige Übertreibung darstelle. Auch fiel ihm immer wieder die Bibelstelle ein, die verlangt, Strafe nicht gering zu achten und sie als Ausdruck der Liebe des Herrn zu verstehen.

Aus gegebenem Anlaß gab es für den Jungen auch schon mal einen Schlag hinter die Ohren. Als richtige Strafe zählte die spontane Aktion für mich aber nicht. Den ersten und unvergessenen Schlag hinter die Ohren bekam der Siebenjährige beim Blutrühren. Der Fleischer tötete das Schwein, das auf einer Leiter festgebunden war, mit dem auf einer Axt sitzenden Dorn (Schußapparate gab’s noch nicht), dann griff er zum Messer und schnitt dem Tier die Kehle durch. Ein Erwachsener hielt die Schüssel, mit der das spritzende Blut aufgefangen wurde.

Ich sollte es rühren. Vorher hatte man mir eingebläut: Hörst du, sofort rühren, nicht aufhören, rühren, rühren, rühren. Sonst gibt’s keine Blutwurst. Man drückte mir einen zum Quirl geschnitzten Kiefernast in die Hand. Du sollst rühren! Rühren! Ich begann, doch mein Blick hing wie gebannt an geronnenen Blutstücken an dem Quirl. Rühren! Rühren! Da kam der Schlag hinter die Ohren, jemand schob mich beiseite und ein anderer übernahm meine Aufgabe. Am Abend schmeckte die gekochte Blutwurst herrlich.

Meine Mutter, damals noch Mutti genannt, verfügte über eine ganze Straf-Palette. Richtige Schläge gab es im Vierteljahrestakt. Der Anlaß bestand überwiegend in Kokeleien, also in Vorformen meiner bis heute nicht ganz ausgeheilten Pyromanie. Die fand damals ihren Höhepunkt im Abfackeln einer Scheune mit Stroh, die sich neben der Bäckerei von Knochenrobert befand. Der Achtjährige konnte seine Tatbeteiligung allerdings verbergen.

Jahre später erläuterte mir meine Mutter, warum sie sich nie eines Werkzeuges wie Kochlöffel, Bullenziemer etc. bediente: Sie wollte mich nicht verletzen. Da mußte ich mir selbst die Hose runterziehen, mich bücken, dann schlug sie mit ihrer starken Rechten zu. Einmal klingelte das Telefon, als ich halbnackt vor dem Kachelofen stand. Sie redete lange und freundlich mit dem Anrufer. Anschließend nahm sie die unterbrochene Tätigkeit nahtlos wieder auf. Ich schrie schon, bevor es richtig los ging. Das ärgerte sie wohl. Nie wäre ich auf den Gedanken gekommen, wie Nachbarskinder oder Schulkameraden einfach abzuhauen; bei denen war am Abend alles vergessen.

Abends kamen meine Eltern regelmäßig an mein Bett im Zimmer auf dem Dachboden. Manchmal auch nur die Mutter allein. Gemeinsam sprachen wir: Gott lass uns dein Heil schauen… Danach empfing ich einen Gute-Nacht-Kuß und schlief friedlich ein.

Heute Abend komme ich nicht zum Beten. Wofür sie mich damit bestrafen wollte, erinnere ich mich nicht mehr. Umso mehr an meine Tränen. Dann versuchte ich mich zu trösten und schluchzte nur noch ins Kopfkissen. Der Schluckauf nahm kein Ende.

© Martin Krolzig