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6.9.18 Pauls Ende

Da war die Welt noch In Ordnung

Paul S. war der erste Kommunist, den ich kennenlernte. In Niemegk wohnte er mit seiner Familie neben uns. Regina, seine schöne Tochter, war wenige Jahre älter als ich. Seine Frau mußte eine so starke Brille tragen, dass man ihr freundliches Gesicht erst auf den zweiten Blick wahrnahm. Wir Krolzigs mochten die beiden.

Doch zu dem vierschrötigen Paul S. hielten wir Distanz. Er umgekehrt genauso zu uns. Unfreundlich war er nie.
Mit der Kirche, die mit seinem und unserem Haus ein Dreieck bildete, hatte er nie etwas zu tun. Niemand weiß das besser als ich. Doch bis heute frage ich mich, wie spezielle Teile der Gottesdienstliturgie so in die Tiefenschichten seines Gehirns gelangten, daß sie später aus ihm wie aus einer inneren Quelle hervorsprudelten.

Wenn ich später als Student Herbert Wehner im Fersehen sah, tauchte vor mir immer auch Paul S. auf. Weniger, weil sie beide alte Kommunisten waren; immerhin hatte mein Nachbar im Gegensatz zu dem SPD-Kämpen niemals das Parteibuch gewechselt. Die verblüffende Übereinstimmung bestand in ihren Köpfen, genauer in deren vierkantigem Zuschnitt. Dann der mit schiefstehenden Zähnen ausgestattete Mund. Der unverhofft so bellen konnte, daß man sich urplötzlich duckte.

Vor Hunden hatte ich Angst, seitdem mich Muschert’s schwarzer Lux übel zugerichtet hatte. Seitdem achte ich besonders auf Schnauzen und gefletschte Zähne. Die sagen, was gleich passieren wird. So schaute ich auch bei S. genau hin, um seine Stimmungslage zu erkunden. Denn, das will ich nicht unterschlagen, der gleiche Mund konnte eine Wärme verströmen, die mich fragen ließ, wo er die herholt. Er machte nicht auf Nähe, mimte auch kein Verständnis für den Pfarrerssohn von nebenan, der später auf der Ziegelei sogar sein Kollege wurde. Da hätte ich zu ihm wie zu allen anderen Du sagen müssen. Aber das brachte ich nicht fertig.

Doch zu dem vierschrötigen Paul S. hielten wir Distanz. Er umgekehrt genauso zu uns. Unfreundlich war er nie.
Mit der Kirche, die mit seinem und unserem Haus ein Dreieck bildete, hatte er nie etwas zu tun. Niemand weiß das besser als ich. Doch bis heute frage ich mich, wie spezielle Teile der Gottesdienstliturgie so in die Tiefenschichten seines Gehirns gelangten, daß sie später aus ihm wie aus einer inneren Quelle hervorsprudelten.

Wenn ich später als Student Herbert Wehner im Fersehen sah, tauchte vor mir immer auch Paul S. auf. Beide hatten ihre Karriere in der kommunistischen Internationale unter Stalin begonnen. Immerhin könnte mein Nachbar im Gegensatz zu dem SPD-Kämpen für sich in Anspruch nehmen, niemals das Parteibuch gewechselt zu haben. Die verblüffende Übereinstimmung bestand in ihren Köpfen, genauer in deren vierkantigem Zuschnitt. Dann der mit schiefstehenden Zähnen ausgestattete Mund. Der unverhofft so bellen konnte, daß man sich urplötzlich wegduckte.

Vor Hunden hatte ich Angst, seitdem mich Muschert’s schwarzer Lux übel zugerichtet hatte. Seitdem achte ich besonders auf Schnauzen und gefletschte Zähne. Die sagen, was gleich passieren wird. So schaute ich auch bei Paul S. genau hin, um seine Stimmungslage zu erkunden. Denn, das will ich nicht unterschlagen, der gleiche Mund konnte auch eine Wärme verströmen, die mich fragen ließ, wo er die herholt – genau wie Wehner.

Paul S. machte nicht auf Nähe, mimte auch kein Verständnis für den Pfarrerssohn von nebenan, der später auf der Ziegelei auch sein Kollege wurde. Da hätte ich zu ihm wie zu allen anderen Du sagen müssen. Aber das brachte ich nicht fertig.

Ob Paul S. die Kirche je betrat? Das kann ich mir nicht vorstellen. Oder höchstens gleich nach Kriegsende im Mai 1945, als auch die Johanniskirche bei den letzten Kämpfen um Berlin von Stalins Truppen in Mitleidenschaft gezogen wurde. Die vermutete wohl im Kirchturm Artilleriebobachter, traf auch präzise das Kreuz, das noch länger im Geländer herunter hing. Aber vielleicht entspringt die Vorstellung, wie er über Schutt und zerborstene Scheiben stieg, um die ersehnte Niederlage der Nazis unter den Füßen zu spüren, nur einer verqueren Fantasie.

Zur Eskalation kam es am 17. Juni 1953. Die sowjetischen Truppen verhängten auch über Niemegk das Kriegsrecht. In den Auffahrten zum Kirchplatz standen russische Schützenpanzerwagen mit Maschinengewehren. Paul S. näherte sich den Soldaten mit einer Flasche Schnaps, zeigte auf den vor seinem Haus arbeitenden Kantor Kurt Schlund und sagte: „Der Faschist“.

Natürlich war der alles andere als ein Nazi. Aber Paul S. wußte, daß Schlund nicht nur seine Ablehnung, sondern auch seine Verachtung allem gegenüber offen zeigte, was irgendwie mit SED, Stalin und Marxismus-Leninismus zusammenhing. Dann war er eben in der schlichten Sicht von Paul S. ein Faschist.

Die Reaktionen der jungen Soldaten bei dem Wort „Faschist“ waren nachvollziebar. Endlich hatten sie einen leibhaftigen Nazi vor sich. Einen von denen, der ihr Vaterland in einem unvorstellbar grausamen Krieg wenige Jahre zuvor verwüstet hatten.
Sie gingen mit entsicherter Waffe auf Schlund zu und verlangten dessen Ausweis. Den hatte er natürlich im Garten nicht dabei. Deshalb schickte man ihn ins Haus um ihn zu holen. Seine Frau mußte bei den Soldaten bleiben. Der Kantor aber kam nicht zurück, sondern verließ durch einen Hinterausgang über Hof und Scheune das Grundstück. Für die Soldaten der ultimative Beweis, daß sie dem Richtigen auf der Spur waren.

Paul S. ahnt natürlich, wo sich Schlund versteckt haben könnte. Er führt die Soldaten 200 Meter weiter zum Pfarrhaus. In einer Mischung von Alkohol und Angst entsicherte einer die Maschinenpistole und jagd einen Feuerstoß durch Eingangstür und dahinter liegenden Windfang. Keine Frage, Mutter wie Schwester hätten dahinter stehen können.

Zusammen mit den Russen und Paul S. betreten auch zwei barsch auftretende Zivilisten unser Haus: Ist der Schlund hier? Die Mutter verneint. Später, nachdem sie erfahren haben, daß der Kantor kurz im Haus gewesen war, es aber schnell wieder durch die Gartentür verlassen hatte: Schwindeln wie gedruckt, aber dafür sind es auch Christen.

Meine couragierte Mutter blieb – wie man heute sagen würde – cool. Als die Russen schließlich ins Haus kommen und mit einer wüsten Durchsuchung beginnen, versuchte sie die jungen Rotarmisten zu beruhigen. Sie muße vorangehen, während die Soldaten, in ihrem Gefolge immer auch Paul S., das Haus von oben bis unten durchsuchten.

Der Kantor war ein guter Läufer und hatte sich über die Wiesen davon gemacht. Doch ein Schützenpanzer fuhr ihm nach. Eine MG-Garbe über seinem Kopf läßt ihn die Aussichtslosigkeit seines Vorhabens erkennen. Er blieb mit erhobenen Händen stehen und wird festgenommen.

Am Abend noch wird mein Vater aus sicherer Quelle vernehmen: “Schlund ist standrechtlich erschossen worden”. Das schien glaubhaft, denn der sowjetische Befehlshaber hatte mit standrechtlichen Erschießungen gedroht. Doch zum Glück stellte sich das bald als Irrtum heraus.

Das Leben ging weiter und irgendwann war die Geschichte vergessen. Vergessen im Sinne von Schwamm drüber, es lohnt nicht mehr, davon zu reden. Außerdem herrschte weiter ein gutes nachbarschaftliches Einvernehmen mit Paul S‘. Frau. Auf unserem Hof hing sie immer ihre Wäsche zum Trocknen auf. Meine Mutter behauptete, daß sie sich dafür regelmäßig Vorwürfe einhandelte. Sie war sich sicher, daß sie sich für die Eskapaden ihres Mannes schämte. Dem war sie in Treue und wohl auch in Liebe – soweit das für Außenstehende erkennbar war – verbunden.

Gegen Ende seiner Tage wurde Paul S. wahnsinnig. Er, der sein ganzes Leben dem Kommunismus und der Partei verschrieben hatte, kam nicht aus dem Schatten des Kirchturms heraus, in dem er über Jahrzehnte verbracht hatte. Fürchterlich laut und monoton schrie er immer wieder über den Kirchplatz: “Herr, erbarme dich meiner, Christus, erbarme dich meiner”.

Zunächst lachten die Nachbarn, doch dann erschrak die ganze Stadt. Die Partei verlangte seine Unterbringung in einer Nervenklinik. Das aber lehnte seine Frau kategorisch ab: Paul stirbt zuhause. So mußten sich alle täglich wiederholt anhören: “Herr, erbarme dich meiner, Christus erbarme dich meiner”. Eine alte Nachbarin, die für ihre spitze und boshafte Zunge bekannt war, sagte: “Zum ersten Mal sagt er die Wahrheit”.

Irgendwann starb Paul S. Für Christen steht das Gebet “Herr erbarme dich meiner” im Zentrum ihres Glaubens. Sie kennen es aus dem Neuen Testament. Für sie war die Bitte so zentral, dass sie sie schon in frühester Zeit zum Tei ihrer Liturgie machten. Kyrie eleison, christus eleison, kyrie eleison. Nichts anderes betet Paul S. Nur eben auf Deutsch.

Wer einmal den Eingangschor der H-Moll-Messe von J.S. Bach gehört hat vergißt ihn nicht. Da klingt & wirkt das Kyrie wirkt wie eine Zugangssprengung durch eine polizeiliche Spezialeinheit. Eine andere, bisher verschlossene Welt zeigt sich plötzlich offen & zugänglich.

Über jeden Zweifel erhaben ist für seine Anhänger, dass Jesus die Bitte von Paul S. erhört hat, Ihm sich gnädig zugewandt & ihm seinen Frieden schenkt. Der bekanntlich höher ist als alle menschliche Vernunft.

Nachtrag:

Der Lokalhistoriker Siegfried Dalitz konnte bis ans Ende seiner Tage wohl nicht verwinden, daß Kurt Schlund sich im Gegensatz zu ihm dem SED-Staat niemals angedient hatte. Auf dem Fußballfeld würde man das, was Dalitz jetzt betrieb, als Nachtreten mit einer gelben, wenn nicht gar einer roten Karte ahnden.

Es gehört schon ein Schuß Niederträchtigkeit dazu, am Schluß seiner Ausführungen über den 17. Juni 1953 in Niemegk kommentarlos aus einem Protokoll zu zitieren, in dem “das Verhalten des Herrn Schlund” festgehalten ist. Aus der Sicht der Machthaber mußte es sich so darstellen: Schlund wollte sich nicht der staatlichen und politischen Ordnung der DDR unterordnen. Und dann das Infamste: Unterschrieben hatte das der Chor der Denunzianten, an der Spitze der Direktor mit einigen seiner untergebenen Lehrer. Und das Ganze überschreibt die “Märkische Allgemeine” noch in ihrer Ausgabe vom 12./11. Juli 1998 mit “Rädelsführer wurde verhaftet”. Auch eine Form, wie sich ewig Gestrige outen können.

© Martin Krolzig