Blog
23.12.25 Weihnachtsbild

Das Bild gehört zu meinen Erbstücken. Es läßt sich auch als eine Art Weihnachtsbarometer benutzen, vermittelt doch die Geschichte des Schnitzwerks den Stellenwert des Festes in den letzten 150 Jahren.
Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert erwarb es mein Großvater Gustav Krolzig. Es muss ihm einiges gekostet haben. Geld besaß er ja, der Goldmarkmillionär. Er hängte es in sein Arbeitszimmer. Die Botschaft von der Flucht Marias mit dem Jesuskind auf dem Rücken eines Maultiers, umgeben von Engeln im Himmeln wie auf Erden und mit Josef eher am Rande des Geschehens, begleiteten den Unternehmer. Weihnachten als Ganzjahresereignis.
Wo sich das Bild zwischen seinem Tod 1923 und der Übernahme des Rädigker Pfarramts durch meinen Vater Günter Krolzig in den 30igern befand, bleibt unklar. Es hing erst in seinem Niemegker, dann Belziger Arbeitszimmer. Da Vater und Sohn nicht zu den Sammlern gehörten, müssen sie eigene Gründe gehabt haben, warum sie auf diese Schnitzerei das Jahr über schauen wollten. Mein Vater hielt es vor anderen nicht verborgen und ja, er wollte das Bild wohl auch als Kunstwerk präsentieren.
1966 übersiedelten meine Eltern aus der DDR in den Westen. Das Umzugsgut mußte in mehrfach auszufüllenden Listen festgehalten werden. Die wurde durch die Volkspolizei akribisch überprüft. Dann rollte alles in einem Wagon der Deutschen Reichsbahn Richtung Rheinland.
Bald zogen die beiden in Bierbachtal ein. Dahin konnten sie nur einen Teil der Möbel mitnehmen. Die größeren Stücke wie Schränke und eben auch jenes Weihnachtsbild landeten in meiner Düsseldorfer Pfarramtswohnung. Mit meiner Scheidung mußte ich Unterrath verlassen, wurde beamtenrechtlich in den einstweiligen Ruhestand versetzt und wurde beauftragt, an zwei Gymnasien in Duisburg als Lehrer für Religion zu arbeiten. In einer Etagenwohnung lebend, mußten die meisten meiner Möbel irgendwo untergestellt werden.
In der prekären Lage fand mich Militärdekan Wilhelm v. Zittwitz. Der wie das Düsseldorfer Landeskirchenamt suchten händeringend Personal für die Militärseelsorge. Für mich die Chance, wieder den Status eines ordentlichen Pfarrers zu erlangen. Ich unterschrieb und war damit als Militärseelsorger für die Standorte Essen, Düssedorf und Mönchengladbach zuständig.
In Düsseldorf-Knittkuhl stand ein neu gebautes Pfarrhaus leer. Da es dort keine freie Wand gab, deponierte ich das Weihnachtsbild im Keller. Dann heiratete ich wieder. Zusammen zahlten wir reichlich Steuern, meine Frau als Sängerin mehr, ich, der Theologe weniger. Es gab damals Modelle, um die hohen Abgaben für den Kauf eines Hauses zu nutzen. Vom Landeskirchenamt von der Residenzpflicht befreit, verschuldeten wir uns bis zur Halskrause und kauften das Haus in Strümp. Die Verbindlichkeiten bereiteten uns keine schlaflosen Nächte, überließ uns doch das Finanzamt die Mittel, um sie abzutragen. Alles im Haus fand seinen Platz. Das Weihnachtsbild wieder mal im Keller, an einem Haken oberhalb der Säcke mit dem Hühnerfutter hängend.
Mehrfach am Tage ging ich an dem Bild vorbei, ohne es zu beachten. Bis eines Tages der Nichtsnutz M.S. erklärte, er würde es gerne für seine Bude mitnehmen. In der Sekunde gingen mir die Augen auf und ich erkannte Wert und Bedeutung des Schnitzwerkes. Freund Alex hing es dann neben meinen Schreibtisch. So sehen Sie es jetzt.
In den Wochen vor dem Fest kippte in diesem Jahr die Weihnachtsstimmung. Auf dem Weg zum Einkauf bei Aldi höre ich in den Nachrichten, dass der Schaustellerverband eine gemischte Bilanz der diesjährigen Weihnachtsmarktsaison gezogen hat. Dann bei dem Discounter. In dem stark besuchten Geschäft trägt niemand eine der früher üblichen roten Zipfelmützen.
Schuldige sind bald identifiziert. An erster Stelle die GEMA, weil die Gebühren für das Abspielen von Weihnachtsliedern verlangt. Also lässt man es. Jetzt klingt alles wie Ballermann light.
Jasmine Kulenkampff verfaßte dieser Tage eine Notiz, die ich im Netz fand. „Ich bin gestern um 17 Uhr in Düsseldorf vom Schauspielhaus bis zum Karlsplatz gelaufen. Ich war persönlich sehr enttäuscht denn die Stimmung hatte nichts mehr mit Weihnachten zu tun“. Und weiter: “Ich fand’s schade, denn ein Stück Brauchtum und Kultur geht verloren, zur Wahrheit gehört allerdings, dass es voll war und die Leute anscheinend Spaß hatten , ein Gemisch aus Touristen aus Asien und nah Ost, jungen Menschen und vielen Menschen mit Migrationshintergrund“. Schlussendlich: „Ich glaube ein großer Anteil dieser Menschen hat zur Weihnachtsmusik gar keinen Bezug mehr“.
Ich vermute, dass sich diese Gefühlslage in den kommenden Jahren eher noch verbreitern wird.
Foto: Petra Schroers
© Martin Krolzig