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27.10.25 Trost finden

In den letzten Tagen erhielt ich die nebenstehende Traueranzeige. Die grafische Darstellung beeindruckte mich tief. Sie illustriert eine zentrale Aussage des Römerbriefes: „Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum, wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn (14,8).
Würde man ein Meinungsforschungs-Institut beauftragen und fragen lassen, worin Menschen die zentrale Aufgabe eines Pfarrers sehen, stände gewiss ganz vorne: Trost spenden. Ich mag die Formulierung nicht. Klingt irgendwie nach Seifenspender, von oben herab. Ich selbst habe für mich beschlossen, die Frage so zu beantworten: Ich möchte Trost vermitteln. Ob ich dem hehren Anspruch in der Zeit meines Berufslebens gerecht geworden bin? Ich bin skeptisch.
Während ich an diesem Text schreibe, ploppt auf meinen PC die Herrnhuter Losung »Gott tröstet uns in aller unserer Bedrängnis, damit wir auch trösten können, die in allerlei Bedrängnis sind, mit dem Trost, mit dem wir selber getröstet werden von Gott (2. Korinther 1,4). Nur was heißt das? Ich könnte in einem meiner Kommentare nachschlagen, ahne aber schon vorher, dass mich das nicht weiter bringen würde.
Versucht hatte ich es einmal mit dem Verweis auf die amerikanische Münze, auf der man lesen kann In God we trust. Dass »trust« irgendwie mit »trösten« zusammenhängen muss, springt ins Auge. Nur, ob dieser Hinweis jemand auf die Spur zu »dem Gott allen Trostes« bringen wird? Auch da bin ich skeptisch,
Den Ausweg aus der Misere fand ich bei Johann Sebastian Bach. In seinen Kantaten fällt generell die Übereinstimmung von Text und Musik ins Auge (wie sonst nur bei Richard Wagner).
Die Probe aufs Exempel machen Sie am besten selbst. Geben Sie in Ihren Browser ein »bach die seele ruht in jesu händen». Folgen Sie am besten dem Hinweis auf die Aufnahme der Bachstiftung St. Gallen unter der Leitung von Hermann Lutz (für mich die überzeugendste, dafür nehme ich auch die blöde Werbung in Kauf). Der knappe Text der Arie wird da dem Hörer in ständigen Wiederholungen regelrecht ins Herz gesungen. Sie stammt aus der Kantate “Herr Jesu Christ, wahr’ Mensch und Gott”, BWV 127. Ein Hörer schreibt darunter “Gott selbst hat Bach diese erstaunliche Arie zugeflüstert!”
Mehr Trost geht nicht.
© Martin Krolzig