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25.2.26 Fruchtbar werden
Europas Gesamtbevölkerung schrumpft. 2023 sank die europäische Bevölkerung im Vergleich zum Vorjahr um etwa 0,2 %. Für China, Japan und Russland gilt der gleiche Trend. Die Folgen für die einzelnen Länder sind dramatisch. So weiß niemand, wie die Rentenzahlungen in der gewohnten Höhe auf Dauer gewährleistet werden können. Absenken, in Teilen privat finanzieren? Doch was geschieht mit denen, die bereits schon jetzt von der Hand in den Mund leben müssen?
In der Situation zeigt sich die französische Regierung in einer Mischung von genial und erfinderisch. Ein Ansatz, der nichts löst, aber das Problem auf die kommunikative Ebene verschiebt. Darüber informierte die “Süddeutsche” am 13. Februar die deutsche Öffentlichkeit in einem längeren Beitrag auf der ersten Seite. Macrons Administration möchte allen Bürgerinnen und Bürgern, die im Sommer 29 Jahre alt werden, einen Brief schreiben. Die Lage im Land zwischen Atlantik und Rhein kann man nur als dramatisch bezeichnen. Zum ersten Mal seit dem 2. Weltkrieg sind in Frankreich weniger Kinder geboren als Menschen starben.
Bereits vor zwei Jahren sprach Staatspräsident Macron davon, dass Frankreich eine “eine demografische Wiederaufrüstung” brauche. Schon die martialische Sprache stieß mancherorts unangenehmem auf. Auch, dass bisher nur die Frauen angesprochen wurden. Fragt man die Franzosen selbst, hört man, dass sie sich keine Kinder leisten können, die wirtschaftlichen Perspektiven dagegen sprächen. Es fehle es an bezahlbarem Wohnrauch, Elternzeit und Kitas.
Es ist beabsichtigt, dass der eigentliche Absender der Epistel das Gesundheitsministerium sein soll. Bei der Prüfung des Entwurfs wird jedes Wort auf die Goldwaage gelegt. Den Beteiligten ist natürlich klar, dass die ganze Geschichte heikel ist. Auf keinen Fall möchte die französische Regierung paternalistisch rüberkommen, sondern nur sensibilisieren. In dem Schreiben sollen die Empfänger aufgefordert werden, sich bitte doch einmal zu überlegen, ob sie nicht ein Kind zeugen wollen. Oder auch nicht. Damit sind sie erst einmal beschäftigt.
Da der deutsch-französische Motor gerade mal wieder stottert: Wie wäre es denn, wenn beide Länder einen gemeinsamen Brief an ihre Bürgerinnen und Bürger schreiben, ist doch die Einschätzung ihrer Situation in beiden Ländern nahezu identisch. Soweit die Lage in Europa, eingeklemmt zwischen dem amerikanischen Kontinent und China.
In den USA und Kanada wächst die Bevölkerung. Ganz anders die Entwicklung in China. Dort herrscht die marxistisch-leninistische Partei Chinas (KPCh). Die ist geformt durch den historischen Materialismus, der Gesellschaftstheorie von Karl Marx und Friedrich Engels. Die erklärt, wie sich menschliche Geschichte entwickelt hat. Irrtümer kann es da nicht geben. Es ist genauso wie man in der DDR sang: “Die Partei, die Partei hat immer recht…”
In der Bevölkerungspolitik traf die KPCh auf die Wirklichkeit. Die versuchte zunächst durch die Ein-Kind-Politik (1979–2015), dann die Zwei-Kind-Politik (2015–2021) gegenzusteuern. Die Kehrseite der Medaille: Schwerste Menschenrechtsverletzungen durch verschiedenste administrative Maßnahmen wie z.B. Zwangsabtreibungen. Auch das nützte nichts: Die Bevölkerung wuchs weiter. Was also tun? Zugeben, dass man sich geirrt hatte? Geht nicht, siehe historischer Materialismus.
China schrumpft seit 2022 – zum ersten Mal seit den 1960ern. Die Regierung steht vor einem Dilemma: Zu wenige junge Menschen, zu viele ältere Menschen, wirtschaftliche Risiken durch Arbeitskräftemangel.
Gegenwärtig herrscht offiziell die sog. Drei-Kind-Politik (seit 2021). China erlaubt nun offiziell drei Kinder – und versucht durch allerlei Maßnahmen Geburten zu fördern. Wie etwa Steuererleichterungen, Ausbau der Kinderbetreuung, Lockerung von Wohnungs- und Schulregelungen und die Unterstützung für Familien. Doch alles nützte nichts: Die Bevölkerung will einfach nicht mehr. China schrumpft weiter.