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18.3.24 Wirkung & Motiv
Motiv ändert Wirkung nicht. Das schrieb Bismarck einst an den Bericht seines Brüsseler Gesandten.
Es lohnt, „Motiv unklar“ zu googeln. Drei willkürlich ausgewählte Beispiele aus vielen Zeitungsberichten: Da erschießt die Polizei in Fulda einen Randalierer. Man erfährt, dass der aus Afghanistan stammende 19 Jahre alte Flüchtling vor einer Bäckerei einen Auslieferungsfahrer mit Steinen und einem Schlagstock angegriffen habe. Zwei Tote gibt es nach einer Schießerei in einem Mercedeswerk. Ein Autofahrer fährt absichtlich in die Menschengruppe: Immer heißt es am Schluss: Motiv unklar. Dann beginnt das große Suchen. Mir fiel dabei Matthias Claudius’ Einsatz „Und kommen weiter von dem Ziel“.
Bismarck behält Recht, selbst wenn sich die Leute schnell auf das vermutete Motiv des Täters einigen. Wie etwa nach Amoklagen. Doch Eltern wie Angehörige müssen ihre Toten beerdigen und werden noch jahrelang um sie trauern. Es bleibt dabei: Motiv ändert die Wirkung nicht. Der gilt es sich zu stellen.
Mir fiel Bismarcks Satz ein, als Ö., unsere türkischstämmige Putzhilfe, an einem Freitag nicht erschien. Das kam auch davor schon mal vor. Doch dann rief sie bald an und informierte uns über den Grund. Diesmal kam kein Anruf. Auch nach einer Woche nicht. Weder von ihr noch von ihrer Familie. Da muss etwas Schlimmes passiert sein, sagten wir uns. Sollten wir selbst anrufen und uns erkundigen? Wir grübelten, was wir falsch gemacht haben könnten.
Nach über zwei Wochen dann eine Mail von Ö.s 16-jähriger Tochter. Seit Kindertagen sieht sie mich als ihren Opa. Und ich bemühte mich, ihr ein guter Großvater zu sein. Es hätte bei ihr zu Hause einen hässlichen Streit gegeben. Ihre Mutter hätte ihren kleinen Bruder und sie genommen und hätte das Haus verlassen.
Aber warum rief Ö. uns nicht selbst an? Auch nicht T., Ihr Vater? Seine Mutter hatten wir vor über 40 Jahren mit dem Kauf unseres Hauses in der Rottfeldstraße übernommen. Meine Mutter gab Ihren beiden Söhnen Nachhilfeunterricht. Der wechselseitige Kontakt zu allen M.s wurde enger und vertrauensvoller.
Soll ich mich da getäuscht haben? Das glaube ich auch heute nicht. Es muss einen anderen Grund geben. Vielleicht Scham uns, von dem Eheaus und seinen unschönen Begleitumständen berichten zu müssen?
Ich überlegte hin und her, suchte auch weiter nach einem Motiv. Da fiel mir Bismarcks Sentenz ein: Motiv ändert Wirkung nicht. Mir wurde klar, dass ich mit den Auswirkungen der Entscheidungen der Familie M. leben muss. Im Augenblick putzen B. und ich mehr schlecht als recht. Irgendwann, das ist uns klar, müssen wir uns eine neue Hilfe suchen.
Während ich das schreibe, fällt mir eine Sentenz von Goethe ein. „Wie, wann und wo, die Götter bleiben stumm.“ „Du halt dich an das Weil und frage nicht, warum.“ Für mich ist der Satz eine Bestätigung von Bismarcks Erkenntnis.
© Martin Krolzig