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30.10.24 Vom Glauben
Von meinem Vater hörte ich, daß man sich in Deutschland kurz vor Ende des 2. Weltkrieges folgende Geschichte erzählte. Der Oberbefehlshaber der Wehrmacht im besetzten Griechenland habe eine Ordonnanz zum Orakel nach Delphi geschickt. “Dürfen wird noch an den Endsieg glauben?” Der Offizier kam mit der Antwort zurück: “Ihr müßt alle dran glauben”.
Damit wären wir beim Thema, dem Glauben. Dem entkommt niemand. Auch der nicht, der mit Max Weber behauptet, er sei religiös unmusikalisch. John Eliot Gardiner, Dirigent, Bachinterpret und Autor weiß es besser als der Soziologe. Dem Kapitel vom Räderwerk des Glaubens in seinem Bach-Buch. stellt er ein Zitat aus der Bhagavad-Gita voran: “Aus Glauben ist der Mensch gemacht – wie er glaubt, so ist er”.
Dann fiel mir der Satz von dem Glauben ein, der Berge versetzen kann. Den habe ich noch einmal auf seine Korrektheit und den Zusammenhang überprüfen wollen.
Der Microsoft-Browser lenkte mich zu Focus-Online. Da fiel mir dann doch die Kinnlade runter: “Die Redewendung hat biblischen Ursprung und entstammt dem Neuen Testament (1. Kor. 13,2). Dort spricht Jesus: ,Und wenn ich weissagen könnte und wüßte alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, also daß ich Berge versetzte, und hätte der Liebe nicht, so wäre ich nichts.”
Allerdings ergreift hier nicht Jesus, sondern der Apostel Paulus das Wort. Das ist dann doch mehr als der berühmte kleine Unterschied. Für alle, die mit der Bibel fremdeln: Der Satz findet sich in seinem Hymnus “Das Hohe Lied der Liebe”.
Dann doch lieber den vom Rheinwein angeheiterten Spötter Heinrich Heine zitieren. „Mon Dieu, wenn ich doch soviel Glauben in mir hätte, daß ich Berge versetzen könnte: Der Johannisberg wäre just derjenige Berg, den ich mir überall nachkommen ließe!”
Ernsthafter: Auch jenseits der Welt des Reliösen entfaltet der Glaube seine imponierende wie unverzichtbare Kraft. Die zeigt sich etwa in dem Grundsatz von Treu und Glauben. Der wurzelt im römischen Recht (bona fides), ist aber alles andere als von vorgestern. In der Schweiz besitzt er sogar Verfassungsrang.
Der Grundsatz von Treu und Glauben ist auch in Deutschland mit Gesetzkraft armiert. Etwa im Schuldrecht. Da heißt es im schönsten Juristendeutsch: Der Schuldner ist nach § 242 BGB verpflichtet, die Leistung so zu erbringen, wie Treu und Glauben es mit Rücksicht auf die Verkehrssitte erfordern.
In einem Urteil bekräftigte der Bundesgerichtshof den Grundsatz noch einmal, steht und fällt doch die persönliche und öffentliche Glaubwürdigkeit mit ihm.
Dann dachte ich an das Grundgesetz. Dessen Dreh- und Angelpunkt findet sich in dessen Artikel eins.
Beeindruckend wie unnachahmlich erklärte der Bonner Staats- und Verfassungsrechtler Josef Isensee (geb. 1937): Wo alles zerbröselt, was herkömmlich Zusammenhalt bot, christliche Religion und kulturelle Überlieferung, bürgerliche Lebensform und nationale Solidarität, erlangt die Gesellschaft in der Erklärung von der unantastbaren, unaufgebbaren und unveräußerlichen Menschenwürde einen Zustand moralischer Grundsicherheit. Die Wahrheit, die sich hier auftut, steht nicht zur Diskussion. Der Verfassungsartikel erweist sich als Glaubensartikel einer Zivilreligion.
Zivilreligion? Ich habe den Eindruck, daß sich deren Gläubige noch schneller aus dem Staube machen als die der etablierten Konfessionen. Das hängt sicher damit zusammen, daß der Begriff in den USA zu Hause ist. Dort ist er stärker verankert als bei uns. Ein Kenner der Materie wie der frühere Berliner Bischof Wolfgang Huber erklärte, daß Amerika und Deutschland über zwei konträre Konzepte einer Zivilreligion verfügen.
Bestimmt alles richtig oder wenigstens nicht ganz falsch, doch ich vermag nicht zu erkennen, daß der Bergriff Zivilreligion zukunftsträchtig daherkommt.
Deshalb zurück zum Grundgesetz und der Erklärung von der unantastbaren, unaufgebbaren und unveräußerlichen Menschenwürde. Nur – für diese Behauptung gibt es keinen Beweis. Genauso wenig dagegen. Wer es sich zur zweiten Natur gemacht hat, immer & überall auf Nummer sicher zu gehen, könnte bemüht sein, beides durch allerlei Argumente plausibel zu machen.
Doch auch das bringt nichts und ändert an der Sachlage keinen Deut. An die Würde des Menschen muß man glauben. So fest, daß der Glaube daran Berge versetzen könnte.
Oder aber wir müssen letzten Endes alle dran glauben.
© Martin Krolzig