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20.6.23 Die Sanfte

Anneliese am Tag ihrer Einschulung in Rädigke

Aber Anneliese. Ich höre förmlich den freundlich-herablassen Ton der Mutter, als sie Jahre später die Geschichte erzählt. Aber Anneliese, das hat er bestimmt so nicht an die Tafel geschrieben. Doch, da stand wirklich das Gehacktes; genauso habe ich es abgeschrieben. Jetzt wird der mütterliche Ton strenger. Sie bestand darauf, dass sie in ihrem Heft den Fehler korrigiert. Dreimal, wie es sich gehört: Das Gehackte, das Gehackte, das Gehackte.

Am nächsten Tag kommt Anneliese freudestrahlend nach Hause: Es heißt doch das Gehacktes! Der Lehrer hatte den Fehler rot angestrichen. Darunter die schulische Berichtigung der Schwester: Das Gehacktes, das Gehacktes, das Gehacktes. Seitdem spricht die ganze Familie nur noch von das Gehacktes.

Die kirchliche wie die weltliche Obrigkeit nutzte den Fläming als Straf- und Bewährungskolonie. Ich bin mir sicher, daß das für die erste Pfarrstelle meines Vaters in Rädigke zutrifft (mehr hier im Blog unter “Abgedunkelt”). Auch im Falle von Annelieses Lehrer legt sich die Vermutung nahe. Indiz wäre seine orthographische Spezialoperation.

Anneliese, Mutti und der Autor

Vier Grundschulklassen unterrichtete der Rädigker Lehrer in einem Raum. Was für das Flämingdorf galt, war in vielen ländlichen Gegenden üblich. Eine Evaluierung nach dem Standard heutiger Statistikexperten ist kaum möglich. Doch es gibt Anhaltspunkte, dass sich der Erfolg der Dorfschulen durchaus mit der heutiger Grundschulen vergleichen läßt. So schaffte auch Anneliese, 1929 in Berlin geboren, anstandslos den Übergang zur höheren Schule. Die befand sich in der Kreisstadt Belzig.

Die erste Etappe auf dem Weg dahin hieß Niemegk.

Öffentliche Verkehrsmittel gab es nicht einmal als Begriff. Für meine kleine Schwester hieß das: Aufstehen gegen 3 Uhr, dann auf einem Kutschbock sitzend Richtung Niemegk. Auf dem Wagen befanden sich die gesammelten Milchkannen des Dorfes. Als handgemolkene Biomilch ließe sich die heute prächtig vermarkten, geht es mir beim Schreiben durch den Kopf.

Sein Ziel, die Molkerei in Niemegk, erreichte der gummibereifte Wagen nach acht Kilometern. Dort wurden die Kannen per Hand in ein gewaltiges Becken gekippt. Vor der Rückfahrt wurden sie wieder mit Magermilch gefüllt. Die trank natürlich kein Mensch. Aber für`s Schweinefutter taugte sie allemal.

Die höhere Schule in Belzig mit Annelieses Beurteilung auf der Rückseite

Die Belziger Schulklasse

Ein Foto mit den Eltern. Von einem Profi aufgenommen.

Anneliese begab sich ins nahe Pfarrhaus, legte sich dort für eine Stunde in ein Bett, dann 20 Minuten per Fuß zum Bahnhof, um mit dem Zug die elf Kilometer nach Belzig zu fahren. Dort angekommen, erreichte sie nach einem weiteren Fußmarsch die höhere Bildungsanstalt.

Das Ganze am Nachmittag in umgekehrter Richtung. Alle Tage die Woche. Selbstverständlich auch am Samstag.

Im Juni 1944 wechselte Anneliese ins anhaltinische Droyßig. Dort gab es eine Oberschule mit angeschlossenem Internat. Beides stand unter einer fürstlichen Ägide.

Hier gibt es eine richtige Prinzessin, berichtete die Schwester nach Hause. Ob alle Schülerinnen von ihr peu a peu ve eingeladen wurden? Man darf es annehmen. Immerhin galten Stil und Form als Höchstwerte. So wurde auch Anneliese eines Tages zum Kaffee gebeten. Doch ihr Bericht klang ernüchtert. „Die legte den Kuchen mit dem Messer auf den Teller; nicht einmal einen Tortenheber hatte sie“.

In Droyßig hatte die spätere Schriftstellerin Eva Zeller 1941 ihr Abitur abgelegt. Sie veröffentlichte den Roman einer Kindheit, wie sie ihn nannte, unter dem Titel „Solange ich denken kann“ (DVA 4. Aufl. 1983) Im Zentrum steht die Geschichte ihrer Familie in der Töpferstadt Görzke, 30 Kilometer von Niemegk entfernt.

In den frühen Fünfziger des vorigen Jahrhunderts werden sich ihre und Annelieses Wege auf dem Fläming kreuzen.

Die Zeitenwende im Frühjahr 1945 veränderte auch im sächsisch-anhaltinischen Droyßig alles. Oberschule und Internat wurden geschlosssen, die Fürsten verschwanden. Dafür öffnete das Zentralinstitut der Pionierorganisation Ernst Thälmann seine Pforten.

Anneliese erlebte das Kriegsende als Zusammenbruch. Das junge Mädchen entging dem Schicksal vergewaltigt zu werden. Meine Mutter versuchte das – wie man heute sagen würde proaktiv – zu verhindern. Was ihr auch gelang. Die Eltern von Edith R. , die Mutter nannte sie später ihre Pflegetochter, schafften es nicht.

Jahre später erzählte die Mutter ihrem heranwachsenden Sohn, dass nach dem Einmarsch 200 m vom Pfarrhaus mehr als 40 Russen vor der Wohnung einer jungen Frau standen. Einer nach dem anderen vergewaltigte sie, während die anderen in einer Schlange warteten. Anschließend tötete sie sich selbst.

Einzelheiten unterschlug sie. Auch der Junge malte sie sich nicht aus.

Auch das endete. Anneliese mußte wieder zur Schule. Sie wechselte in ein Internat auf Herrmannswerder nahe Potsdam. Über die Havel gelangte man in den Ort mit einem Dampfer. Der wurde, als er anlegte, mit dicken Seilen über Poller festgezurrt. Die Passagiere verließen zügig das Schiff, während der Junge die Angler am Bootssteeg beobachtete „Nun komm doch“ höre ich es noch heute.

Annelieses Abitur-Klasse in Herrmannswerder

1947 legte Anneliese ihr Abitur ab. Im gleichen Jahr mußte sich meine Mutter einer Totaloperation unterziehen. Ebenfalls in Herrmannswerder. Hier gab es ein größeres Krankenhaus. Sie erzählte, bei der Anmeldung habe man von ihr verlangt, sie solle eine Erklärung unterschreiben, dass sie im Falle ihres Todes die Leiche der Anatomie zur Verfügung stellt. Was sie übrigens nicht tat, sondern erklärte, das solle dann ihr Mann entscheiden. Die Operation selbst gelang.

Annelieses Entscheidung über ihren weiteren Lebensweg stand längst fest. Sie würde Gesang studieren. An ihrer Begabung zum dramatischen Sopran gab es keinerlei Zweifel. Der mußte jetzt ausgebildet werden. Nur wo und wie. Für Sänger immer die entscheide und besonders heikle Frage.

Mit Annelieses Notiz auf der Rückseite 22. Juli 1947 Singspiel Bastien und Bastienne

In ihrem Vater besaß sie einen treuen und instinktsicheren Förderer. Allen war klar, dass sie seine musikalische Begabung in die nächste Generation trug.

Gab es in seiner Arbeit als Theologe und Pfarrer verschiedene Brüche, verlief seine musikalische Entwicklung in kontinuierlichen Schritten. Man darf sich ihn als exzellenten Kenner von Richrd Wagners Œuvre vorstellen. Die Klavierauzüge mehrer seiner Opern konnte er auswendig spielen. Dabei stand für ihn der „Parsifal“ im Mittelpunkt. Weiter galt Hans Pfitzners „Palästrina“ sein besonderes Interesse, wird wird doch hier die Frage der (kirchen-)musikalischen Tradition thematisiert.

Der Vater verehrte Wilhelm Furtwengler . Ich erinnere mich noch genau, wie er Schubert`s Unvollendete auf einem wuchtigen Magnetophon-Gerät aus früher DDR-Produktion aufnehmen ließ. Die hörte er immer wieder,

Er engagierte sich in der Erneuerungsbewegung der Kirchenmusik und ihrer Absage an falsche Romantik und Schwülstikeit. Als er sich weigerte, im Niemegker Heilig-Abendgottesdienst das „O du fröhliche“ und „Stille Nacht“ singen zu lassen, kam es zum Konflikt mit seiner Gemeinde.

Vater wie Tochter entschieden sich für ein privates Gesangsstudium. Daneben gab es die Option, später an einer staatlichen Musikhochschule als Externe einen Abschluss zu machen. In der Theorie bestand sie die, fiel aber im praktischen Gesang durch.

In Schönebeck (Elbe) kam es zu Annelieses erstem, großen öffentlichen Auftritt. In einer Kirche wurde von Giovanni Battista Pergolesi das Stabat Mater für Sopran und Alt in seiner Mischung aus Oper und Frömmigkeit aufgeführt. Ein grandioser Erfolg für alle Beteiligten. Der Junge war stolz auf seine große Schwester.

An dieser Stelle möchte ich die Geschichte meiner Schwester Anneliese unterbrechen. Jedoch nicht ohne die sie charaktrisierende Überschrift „Die Sanfte“ erklären.

Gottfried Benn hat zwei Jahre vor seinem Tode das Gedicht „Menschen getroffen“ verfaßt. Nach zwei Strophen endet es:
„Ich habe mich oft gefragt und keine Antwort gefunden,
woher das Sanfte und das Gute kommt,
weiß es auch heute nicht und muß nun gehn.“

Mit meinen 82 Jahren befinde ich mich in der gleichen Situation wie der Berliner Dichter. Auch ich bin wie Benn ein Pastorensohn. Und weiß genauso wenig wie er, woher das Sanfte und das Gute kommt.

Nur den Rahmen möchte ich etwas erweitern.

Auf jeden Fall kann man davon ausgehen, dass Benn mit der Bergpredigt aus dem Neuen Testament vertraut war: „Selig sind die Sanftmütigen, denn sie werden das Erdreich besitzen“.heißt es dort. Der Augenschein widerspricht dem. Ganz andere Typen scheinen hier den Ton anzugeben. Jedenfalls nicht Leute wie meine sanftmütige Schwester.

Der Satz, Gott würfelt nicht, wird Albert Einstein zugeschrieben. Aber vielleicht lacht er, wenn schon nicht immer, so doch ab und an? Wer zuletzt lacht, lacht am besten, weiß der Volksmund. Der Satz steht in bester christlicher Tradition.

Jedenfalls erkennt man die Sanften an ihrem entwaffnendem Lächeln. Wie meine große Schwester.

© Martin Krolzig