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16.10.25 Sehen lernen

Auf den kommenden Seiten stelle ich Ihnen das Buch »Sie hin« der niederländischen Autoren Witeke van Zeil vor. Das sollten Sie sich auf jeden Fall kaufen. Es kostet bei Amazon lediglich 28,80 €. Schaffen Sie dem Band einen Platz, sodass Ihr Blick immer wieder auf den Titel und seine Botschaft fällt. Schon allein dadurch wird sich Ihr eigenes Sehverhalten ändern. Sie sollten allerdings den Untertitel »ein offener Blick auf die Kunst« nicht zu eng verstehen. Immerhin erörtert die Autorin auch, über welche Sehfertigkeiten z.B. ein Fluglotse verfügen muss. Schließlich werden Sie am Ende auch erfahren, was das alles mit dem Altarbild von Gerhard Olbrich in Niemegk zu tun hat.

Zu unseren Illusionen gehört, wir hätten alles im Blick. Den Zahn zog mir Wieteke van Zeil. Der Umkehrschluss lautet wenig schmeichelhaft für uns: Wir sehen nicht genau hin und bleiben plätschernd an der Oberfläche. Wir übersehen nicht nur vieles, sondern oft das entscheidende.

Seit Jahren schreibt die niederländische Kunsthistorikerin in einer stark beachteten Zeitungskolumne über historische Gemälde und Skulpturen. Dabei lenkt sie unser Augenmerk auf scheinbar nebensächliches. Genau hinsehen erschließt uns Zusammenhänge, die uns vorher entgangen sind.

Hier das ganze Bild, wie es die Autorin in ihrem Buch zeigt. Hier soll beispielhaft für ihre Arbeit stehen. Gemalt wurde es von dem Künstler Petrus Christus um 1465. Die Stirn der jungen, kostbar gekleideten Frau ist rasiert. Das war zu Zeiten des Künstlers der dernier cri.

Der Blick der jungen Frau ist hypnotisch. Deshalb übersieht man auch schnell das winzige Nädelchen über ihrer Brust. Sieht man aber genauer hin, erkennt man, dass die Schöne zusätzlich einen Schleier trägt. Der ist fast durchsichtig. Eigentlich entdeckt man ihn nur an seinen Rändern. Man sieht den Schleier auch über der Kette an ihrem Hals. »Es ist die Stecknadel, die seine Existenz verrät« schreibt Wieteke van Zeil.

Hat man gelernt genauer hinzusehen und schaut dann wieder auf das Bild der jungen Frau, passiert etwas Eigentümliches: Der erste Blick fällt zuerst immer auf besagtes Nädelchen. Jedenfalls mir geht es so.

Womit wir beim Altarbild von Gerhard Olbrich in Niemegk wären. Seit über 60 Jahren weiß ich, wer für die Darstellung des Judas auf dem Abendmahlsbild Pate stand. (Mehr dazu am Ende des Blog-Eintrags Kirchturm-Madeleines) Ich hatte die Befürchtung, dass das jemand erkennen könnte. Etwa die Stasi, die in solchen Fällen keinerlei Spaß verstand.

Die Angst war überflüssig. Niemand sah und erkannte den Judas. Weil hier offensichtlich der gleiche Mechanismus wirkt, wie ihn die Kunsthistorikerin Wieteke van Zeil beschrieb.

In den vergangenen 70 Jahren sprach und mailte ich mit Zeitgenossen, die sich unter krolzig.com das Abendmahlsbild angeschaut hatten. Alle wussten, wer Walter Ulbricht war; man konnte seinem Konterfei ja nicht entgehen. Doch niemand sprach mich auf die Darstellung des Judas und die damit verbundene Botschaft an. Eben, weil ihn niemand sah und wahrnahm.

© Martin Krolzig