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9.10.23 Verdamp lang her

Verdamp lang her, sang BAP 1982. In dieser Zeit muß das Foto entstanden sein. Zu sehen ist der Autor zwischen seinen jüdischen Freunden R. und B. Beide erfolgreiche Unternehmer in Düsseldorf.

Es zeigt die drei leicht angeschickert im Haus des Notars Dieter Linderhaus. Der liebte knochentrockenen Mosel. Um ganz sicher zu gehen, beauftragte er einen Winzer, ihm immer mal wieder ein ganzes Faß durchgären zu lassen. Den Wein ließ er dann in Strömen in die Gläser seiner Freunde fließen.

Linderhaus zählte zu den deutschen Top-Notaren. Nicht zu sehen ist Helmut Nieland, Chef des Bankhauses Lampe, der mit Sicherheit mitfeierte. Möglicherweise fotographierte er die Szene.

Gewiß gab es auch damals einen antisemitschen Bodensatz. Ich erinnere mich, daß Frau B. in ihm eine Gefahr sah. Ich empfand das als Einzelmeinung. Doch nach Israel auswandern, in deren Armee sie gedient hatte, wollte wohl auch sie nicht. Von einer antisemitschen Gefahr in Deutschland generell sprach nach meiner Erinnerung niemand. Zumindest keiner, der in der Öffentlichkeit Gehör fand.

Fünfzig Jahre später ein ganz anderes Bild. Antisemiten verstecken sich nicht mehr. Wie mit ihnen umgehen – ein Stimmengewirr schwankt zwischen martialischen Sprüchen, Unsicherheit und Hilflosigkeit. Hannah Arendt notierte: “Der wohl hervorstechendste und auch erschreckendste Aspekt der deutschen Realitätsflucht liegt in der Haltung, mit Tatsachen so umzugehen, als handele es sich um bloße Meinungen”.

Das alles ist unter unseren Augen geschehen. Vergleichbar einem tropfendem Wasserrohr im Keller, das niemand bemerkt. Und plötzlich steht alles unter Wasser. Als erstes fährt einem der Schreck in die Glieder. In dem Fall bleibt er bei mir da.

Geschrieben am 9. November. Dem Tag der Reichs-Progromnacht wie der Maueröffnung In Berlin.

© Martin Krolzig