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2.4.23 Frau Raabe

Frau Raabe. Eine märkische Tragödie
Die Zwillinge Kurt und Jürgen Raabe gingen mit dem Jungen in eine Klasse. Ihre Mutter wird im Mittelpunkt der tragischen Geschichte stehen, die der hier erzählt wird. Es ist eine klassische Tragödie, die sich im märkischen Sand am Rande Berlins ereignete.
Fragt man nach dem Vater der Zwillinge, erfährt man mehr, wenn man auf den Gedenkstein „Unsere Opfer“ in St. Johannis zu Niemegk schaut. Hier wird den Gefallenen des 2. Weltkrieges 1940–1945 gedacht. Doch auch die Namen von Kriegstoten aus den Jahren 1946, 1947 und 1949 finden sich hier. Unter ihnen eine Frau. Da waren die eigentlichen Kampfhandlungen lange vorbei.
Die größte Rubrik bilden die Vermißten. Für die anderen Toten mag es irgendwo in Europa ein Grab geben, an dem Trauer und Erinnerungen Halt finden können. Für die Vermißten dagegen gibt es keinen Ort, nirgends. Allenfalls den Namen eines Landes. Vielleicht noch ein Schlachtfeld wie Stalingrad oder die militärische Bezeichnung eines Frontabschnittes wie Kursker Bogen. Mehr Trostlosigkeit geht nicht.
Zwei Raabes finden sich unter den Vermißten, Otto und Kurt. Die Vermutung liegt nahe, die beiden seien auch Zwillinge gewesen. Vielleicht eineiige, die so unzertrennlich waren, dass sie es irgendwie schafften, als Soldaten in die gleiche Einheit zu kommen und gemeinsam starben?
Für die Vermutung, dass Kurt als der Vater der Zwillinge gelten darf, spricht sein Vorname. Weil auf dem Fläming, aber eben nicht nur dort, der Erstgeborene meist auf den Vornamen des Vaters getauft wurde.
Der Vorname von Frau Raabe ist mir unbekannt. Selbst wenn mir jemand ihren korrekten Vor- plus Mädchennamen mitteilen würde, bliebe es bei der Überschrift.
Es gibt in diesem Blog noch jemanden, von dem ich nur den Nachnamen kenne. Es ist Herr Grinda. Der DDR-Polizist zeigte sich in der Dämmerung des 17. Juni 1953 als Herr. Weil er sich über Rollendefinitionen, Vorschriften und Dienstanweisungen hinwegsetzte und seinem inneren Kompass folgte. So tritt er als Herr aus einer Masse funktionierender Rädchen heraus.
In früheren, längst vergangenen Zeiten bedeutete Frau das Gleiche wie Herr. Da sagte man Frouwe, also Herrin. Ihre Stellung in der gesellschaftlichen Hierarchie signalisierte ihre Würde. Genau wie die des Herren.
Heute dagegen wird eine 17jährige Heranwachsende genauso selbstverständlich wie eine 87jährige Greisin oder ein weiblicher Transmensch mit männlicher Geschlechtsausstattung mit Frau angesprochen. Das ist Common Sense.
Hiersoll keine Debatte zum xten Male breitgetreten werden. Ich will nur sagen, was in dem voran gestellten „Frau“ noch mitschwingt. Es ist jene unantastbare, unverlierbare und unaufgebbare Würde. An der nordete man über die Jahrhunderte die innere Karte immer wieder neu ein. Jene Würde galt also lange, bevor sie im Grundgesetz der Bundesrepublik als übergeordnetes Recht kodifiziert oder im sozialistischen Staat der DDR als Recht gewährt, begrenzt und als nachgeordnet verstanden wurde.
Jene Würde wird immer wieder mit Füßen getreten, lächerlich gemacht oder mit Häme überschüttet. Doch sie besitzt einen Lotuseffekt, will sagen die Fähigkeit, sich selbst vor Schmutz zu schützen. Auch inmitten einer Tragödie, wie sie Frau Raabe erlebte.
An jene Würde glaubt man oder man glaubt nicht an sie. Da wirkt Glaube wie eine Weichenstellung. Sie bestimmt, in welche Richtung uns unser Triebwagen von Stundan zieht.
Lichtblicke in Frau Raabes Lage nach Ende der unmittelbaren Kampfhandlungen zu finden, fällt schwer. Ehemann und Schwager vermisst, die wirtschaftliche Basis zusammengebrochen und die Notwendigkeit, für das tägliche Brot der Zwillinge zu sorgen, werden sie an ihre Grenze gebracht haben.
Ob Frau Raabe nach dem Einmarsch der Sowjetsoldaten das Gleiche wie viele andere Niemegker Frauen erleiden musste, weiß ich nicht. Wenn, begann es meistens mit den zwei Worten „Frau komm“. Im Theater darf an der Stelle gnädig der Vorhang fallen. In den Tagen nach dem Einmarsch der Russen begann dann erst das Grauen. Das erfuhr der Junge von seiner einen Mutter.
Frau Rabe hielt durch. Besaß man keine Landwirtschaft, musste man sein tägliches Brot irgendwie zusammenstoppeln. Oder schmuggeln.
Allerdings muss man sich allerdings die Größenordnung der Fläming-Schiebereien klar machen. Einmal bekam der Junge mit, wie ein halbes Dutzend Steinmarder-Felle den Weg nach West-Berlin fand. Normalerweise ging es um Spargel, Kartoffeln usw. Wer da nicht rankam sammelte in den Kiefernwäldern Blaubeeren, Pfifferlinge und Steinpilze.
Oder verschob ein paar Dutzend Eier wie Frau Raabe. Wobei es sich meiner Kenntnis entzieht, ob sie ein paar Mal erfolgreich war oder ob sich die Tragödie gleich beim ersten Versuch ereignete.
Von einer ganz anderen Dimension erfuhr ich Jahre später während meines Theologiestudiums in Leipzig. Da wohnte ich zusammen mit dem späteren Weimarer Pfarrer Erich K. Der hatte mit zwei Freunden als 18-Jähriger versucht, Urangestein in den Westen zu verschieben.
Irgendwie mussten sie an das Zeug gekommen sein. Damals ließ die Sowjetische Wismut AG im Erzgebirge Uran abbauen. Wegen des großen Gewichtes gaben es die Halbwüchsigen vor dem Weitertransport nach West-Berlin am Bahnhof bei der Gepäckaufbewahrung ab. Als sie den schweren Koffer am nächsten Tag abholen wollten, warteten schon Polizisten mit schußbereiten Maschinenpistolen. Erich K. und seine Freunde wurden von einem sowjetischen Militärtribunal zu den üblichen 15 Jahren verurteilt. Bei den Russen, so erzählte er, ging es noch halbwegs menschlich zu. Ganz anders bei den DDR-Deutschen im gelben Elend von Bautzen. Zur Illustration griff er in den Mund und holte eine Prothese heraus.
1948 ließ Putins Ahnherr Josef Stalin die West-Sektoren von Berlin abriegeln. Die Stadt sollte so ausgehungert werden. Über Straßen und Flüsse gelangte kein Nachschub mehr in die Millionenstadt. Über drei Korridore organisierten die Westalliierten eine Luftbrücke. Mit ihren Maschinen transportierten sie im Minutentakt von getrockneten Kartoffeln über Verbandsmaterial bis zu einem kompletten Kraftwerk alles Notwenige in die Stadt an der Havel.
Auch 23 Tonnen Wrigleys Spearmint 48/29 flogen die Rosinenbomber genannten Flugzeuge nach Tempelhof. Die schmalen Streifen symbolisierten die neue Freiheit. Auswickeln, in den Mund schieben, kauen. Lange kauen. So konnte man das neue, frische Lebensgefühl nicht nur schmecken, sondern es auch durch mahlende Kieferknochen seiner Umgebung zeigen. Was andere, besondrers aus der Elterngeneration, nerven konnte. So genoß der Junge wachsende Freiheitsgefühle Mit der, so stelle ich mir heute vor, waren sowohl die Zwillinge Kurt und Jürgen als auch viele von der Robert-Koch-Schule bereits infiziert.
Es ließe sich auch fragen, wie viel von den 23 Tonnen Kaugummi in der DDR und wie viele Kilo von denen wiederum auf dem Fläming landeten. Vielleicht wollte ja Frau Raabe ihren Zwillingen eine Packung Wrigleys Spearmint vom Markt in Wannsee mitbringen?
Frische Lebensmittel erzielten in West-Berlin Höchstpreise. Für die gab es direkt hinter der Grenze einen Markt in Berlin-Wannsee. Der wirkte wie ein Magnet. Mit dem hier erzielten Westgeld konnte man praktisch alles kaufen, was es in der DDR nicht gab.
Sie hören RIAS Berlin, eine Stimme der freien Welt. Nachrichten. Anschließend ein Kommentar von Egon Bahr aus Bonn. Am Ende der Berichte aus aller Welt erfuhr man Abend für Abend auf den Pfennig genau den täglichen Umtauschkurs. Für 4,50 Mark Ost bekam man etwa eine Westmark. Das Verhältnis konnte auch schon mal 1:5,25 ausfallen. Eine Grundrechenart, die alle beherrschten. So weißte jeder, was die ganze DDR wert war. Nicht viel.
Der Weg von Niemegk zum Markt in West-Berlin bestand aus zwei Etappen. Die erste auf der A9 bis Potsdam und dann weiter mit der S-Bahn in Richtung Zoologischer Garten.
Bald nach Kriegsende lenkte Herbert Eilert seinen Bus über die Abfahrt Michendorf nach Potsdam. Auf dem befand sich hinten ein gewaltiger Holzvergaser. Der sah aus wie der Ofen in unserem Badezimmer, dachte der Junge. Er schaute gespannt zu, wie der Fahrer auf einer Leiter hochkletterte, den Deckel hob, neue Holzstücke hineinwarf und feststampfte. Er kletterte dann schnell in den Bus, wo die anderen schon saßen.
Später konnte man mit Gutscheinen Diesel und Benzin kaufen. So begann zaghaft ein privater Autoverkehr.
In Potsdam befand sich ein Busparkplatz in der Nähe der Endstation der S-Bahn. Hier wartete Herbert Eilert bis zum Nachmittag auf die Rückkehr seiner Passagiere. Erschien jemand nicht, machte sich schnell Beklommenheit breit. Besonders, als Frau Raabe fehlte. Einige werden durch die Zugfenster mitbekommen haben, was in Griebnitzsee passiert war.
Die S-Bahn verkehrte im 20-Minutentakt Richtung Berlin. Auf den hölzernen Sitzbänken und in den Gängen drängten sich die Menschen. Der erste Halt nach Potsdam hieß Babelsberg, dann Griebnitzsee. Grenzkontrolle. Ausweise bereithalten, tönte es aus den Lautsprechern.
Die Türen öffneten sich. In jeden Wagen traten Angehörige der kasernierten Volkspolizei. Sie galten als 5. Besatzungsmacht. Nicht nur wegen ihrer Uniformen, sondern weil sie Sächsisch sprachen. Wie der SED-Chef Walter Ulbricht. Nie hörte der Junge einen Grenzer berlinern.
Sie bewegten sich langsam, schauten in jedes Gesicht, dann in die aufgeschlagenen Ausweise, schließlich nach oben in die Gepäcknetze, schoben sich langsam durch das Gedränge – oder sagten: „Kommen Sie mit“. Dem Jungen wie seinem Vater passierte das nie, seiner Mutter wie der Schwester praktisch immer.
Dann die Laursprecherdurchsage: Türen schließen. Das geschah automatisch. Habte Säcke vor die Türe oder biste in der S-Bahn jeborn, hieß es in Niemegk.
Kommen Sie mit. Nehmen Sie Ihr Gepäck. In Sekundenbruchteilen musste die Entscheidung fallen: Mitnehmen, oben im Netz bzw. unter dem Sitz liegen lassen. In der Hoffnung, dass es nicht bemerkt wurde. Frau Raabe hatte sich längst anders entschieden. Sie reiste ohne Gepäck. Darin sah sie ihre Chance. Doch die war bei der barschen Aufforderung „Kommen Sie mit“ verspielt. Du hast verloren. Die müssen nur sagen: Ziehen Sie sich aus. Dann finden sie die Eier.
Ich vermute, dass sie an der Stelle in Panik verfiel und versuchte davonzulaufen, vielleicht durch das Gedränge in Richtung Ausgang Griebnitzsee. Sie stürzte.
„Hilfe, Hilfe, Rührei im Unterrock“, überschrieb die Volksstimme ihren Artikel später. Jeder Niemegker kannte noch Jahre später die Schlagzeile. Man könnte jetzt versuchen zu recherchieren. In irgendeinem Archiv müsste sich der Bericht der Parteizeitung bestimmt finden lassen.
Das habe ich keine Sekunde überlegt. Egal, ob an der Stelle unserer Geschichte ein Nachdruck aus dem Parteiblatt oder nur ein zusammenfasender Bericht stände: Wir würden den SED-Schergen auch noch Jahrzehnte später auf den Leim gehen.
Deren Geschäft verfallen bis heute auch alle, die im Blick auf Frau Raabe denken: selbst schuld, Pech gehabt, shithappens oder achselzuckend Jesus Sirach aus der Bibel zitieren: „Wer sich in Gefahr begibt, wird darin umkommen.“
Trotz aller Kontrollen wussten die Sicherheitsorgane natürlich, dass sie die Schmuggelei nicht im Griff haben. Für sie war Frau Raabes Fall deshalb ein gefundenes Fressen. Man gibt sie in einem ersten Schritt der Lächerlichkeit preis. In der klammheimlichen Häme der Leserschaft bestand die kalkulierte Wirkung. Damit ist jede offene oder geheime Empörung bereits im Keime erstickt.
Was anschließend passierte, wusste jeder in Niemegk.
Doch darüber sprach man nur hinter vorgehaltener Hand. Der Junge erfuhr es von seinen Eltern. Frau Raabe wurde verhaftet, zu einer mehrjährigen Gefängnisstrafe verurteilt und Kurt und Jürgen in ein Heim gesteckt.
Ich hatte vor – Sie erinnern sich – Frau Raabes Geschichte als klassische Tragödie zu erzählen.
Wenn sich in ihnen an der Stelle alles zusammenzieht und Sie den Schmerz spüren, den Frau Raabe auf dem Bahnhofspflaster erlitt, wenn Ihnen ein Schreck in die Glieder fährt, was der armen Frau angetan wurde, wenn sie auch gar nicht versuchen, Ihre Gefühle zu unterdrücken oder gleich wieder wegzudiskutieren – dann beginnen Sie, die Tragödie zu begreifen.
Wie sie auf dem Bahnsteig stürzt, in ihrer Angst da liegt, Angst, nicht was mit ihr, sondern was mit ihren Zwillingen passiert, umgeben von teils grinsenden, teils verachtungsvoll herabblickenden Soldaten, von denen sie keiner aufhebt, sondern sie in der langsam stockenden, klebrigen Eierpampe liegen lässt, dabei ihr Weinen in Schluchzen übergeht, als man sie dann schließlich packt und gleich wieder herumstößt – dann wissen Sie für alle Zeiten, was eine Tragödie ist.
© Martin Krolzig
© Martin Krolzig