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27.5.25 Schlußakkord

Am 11. November 1961, 17.35 Uhr, also als Zwanzigjähriger, überquerte ich in Berlin die weiße Linie am Checkpoint Charly. Im Rücken russische Panzer; vor mir die amerikanischen, die General Clay hatte aufmarschieren lassen. In der Minute fingen meine Beine so stark an zu schlottern, daß ich dachte, das müsse jeder sehen. Bis dahin handele ich völlig cool. Wie von außen beobachtete mein eigenes Verhalten. Auf die Frage eines DDR-Zöllners konnte ich freundlich-gelassen wie ein Ausländer reagieren, der kaum Deutsch versteht,

Die DDR lag hinter mir. Die Flucht war geglückt. Der Freund hatte es wenige Stunden vor mir mit dem gleichen franz. Pass ebenfalls geschafft. Studenten aus dem Westen hatten ihn gefälscht und in den Osten der Stadt gebracht.
In einer Kneipe waren wir verabredet. Unsere Mäntel hingen wir an einen Garderobenständer. Beim Herausgehen griff ich den westlichen, der Freud meinen, der eindeutig als DDR-Produkt erkennbar war. Wieder draußen, griff ich in die Manteltasche, spürte den präparieren Reisepass neben ein paar West-Münzen, setzte mich in die U-Bahn und fuhr Richtung Kochstraße. Ich stieg aus – dann der Schreck, erkannte ich doch nach der Beschreibung nicht den Grenzübergang. Aber ich mußte ja über ihn hereingekommen sein! Stehenbleiben war deshalb keine Option.In der Minute kam ein DDR-Grenzer auf mich zu und zeigte mir mit seinem Signalstab den Weg.

Wir waren in Sicherheit. Meine Familie in Belzig wollte ich umgehend informieren, sie vor allem aber warnen. Mußten sie doch mit der Stasi rechnen, wenn erst bekannt würde, daß ich im Westen war. So telegrafierte ich unter meinem zweiten Vornamen “Kann leider nicht kommen, Michael”. Jetzt konnten sie sich ihr Teil denken.

Wir sagten uns, daß wir uns nie wieder sehen werden. Quer durch Deutschland zog sich damals der sog, Eiserne-Vorhang. Die DDR gehörte zum Warschauer Pakt. Zwischen Rügen und Thüringerwald standen Hunderttausende Sowjetsoldaten. Handvermittelte Telefonverbindungen gab es, doch auf die musste man stundenlang warten – und sie wurden abgehört. Was alle wussten. Briefe schreiben konnte man, was wir auch eifrig taten, aber auch die wurden von der Stasi kontrolliert. Das Gleiche galt für Pakete.

Durch die Flucht hatte ich alle Brücken hinter mir abgebrochen. Vor mir lag ein Reich der Freiheit. Deren Süße kostete ich aus. Das erste Weihnachtsfest erlebten der Freund und ich nach einer Schiffsreise von Marseille in Tanger bei richtigen Franzosen. Studenten, die wir während der dreitägigen Überfahrt kennengelernt hatten, luden uns zu ihren Eltern ein. Alle in Frack und langen Kleidern und wir in Tramperklamotten. Tage später gelangten wir nach Agadir. Hier, wo sich vor nicht langer Zeit ein schreckliches Erdbeben ereignet hatte, badeten wir zusammen mit anderen Weltenbummlern im warmen Atlantik.

Von Agadir schrieb ich, wie später von vielen anderen Orten auf dem Balkan und dem Nahen Osten, eine Karte nach Belzig. Die Beziehung zu den Eltern und meiner Schwester Anneliese, einer Sängerin, blieb unangefochten und eng. Die Krolzig lebten umgeben von und mit Büchern. Die Mutter las Thomas Manns mehrbändiges “Joseph und seine Brüder”. Mit dem prophetischen “Tief ist der Brunnen der Vergangenheit”. Die Schwester schloss sich auf der Toilette ein, um ungestört lesen zu können. Das fand ich schon schräg. Doch die Bewunderung überwog.

Die Basis der Familie bildete neben der Liebe der gemeinsame Glaube und die Musik. Vor allem das Kantatenwerk von J.S. Bach. Ich erinnere mich, daß ich zu einem der späteren Weihnachtsfeste an die Eltern schrieb und dabei aus dem Weihnachtsoratorium von J.S. Bach zitierte: »Herr dein Mitleid, dein Erbarmen, tröstet uns und machet uns frei«.
Es sollte zehn Jahre dauern, bis wir uns wieder sehen und in die Arme schließen konnten, als hätte es nie eine Unterbrechung gegeben. Ich, der Nachkömmling von Eltern, die 1903 bzw. 1905 geboren wurden; Schwester Anneliese 1929.

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.

© Martin Krolzig