Blog

24.10.24 Kartoffeln raapen

Geschafft. Die Ernte ist in trockenen Tüchern.

Kartoffeln raapen sagten wir damals in Niemegk. Wenn wir uns in Hochdeutsch versuchten, sprachen wir von Kartoffeln lesen.

Bevor ich anfange zu berichten wollte ich wissen, wie man raapen eigentlich schreibt. Doch meine Nachschlagwerke ließen mich wie das Internet im Stich.

Auf dem Fläming gab es Anfang der Fünfziger nur eine Kartoffel-Sorte. Keine frühen, keine mittelfrühen, nichts. Saatkartoffeln kaufen? Fehlanzeige. Man mußte notgedrungen die angekeimten vom Vorjahr nehmen. Ob das den Hintergrund für den Spruch bildet, daß der dümmste Bauern die größen Kartoffeln hat?

Erntezeit war im Oktober. In den Monat fielen auch die kleinen Herbstferien. Auf den Mini-Äckern rund um Niemegk benutzte man noch die Kartoffelhacke, um die Knollen jeder einzelnen Pflanze zu ernten. Da gab es nicht viel zu raapen.

Ganz anders auf der Fläming-Höhe. Dort, wo ein scharfer Wind über die Acker pfeifft. An deren Rändern türmten sich große Steinhaufen. Die hatte man Jahr für Jahr aufgesammelt. Und doch drängte sich der Eindruck auf, der Acker besteht vor allem aus Steinen.

Die bestanden überwiegend aus norwegischem Granit. Überbleibsel der Eiszeit, die sich etwa bis zu einer Linie über Garey nach Rädigke vorgeschoben hatte. Manche Steine in Zixdorf ließen den sog. Windschliff erkennen. Der sieht aus wie eine Bügelfalte.

Große Felder lohnten den Einsatz einer Schleuder. Vor die spannte Bauer Möbius in der Regel Pferde. Klappte alles, standen auch noch auf dem Hof ein paar Kanister Sprit, kam auch der Trecker zum Einsatz.

Bei dem mußte jedoch erst der Diesel erhitzt werden, dann packte der Fahrer die Kurbel, schob sie vorne in den Motor, um ihn anzuwerfen. Das dauerte. Eine schweißtreibende Tätigkeit. Alles andere als ein Kinderspiel

Lief der Trecker endlich, konnte Reihe für Reihe in kurzer Zeit geschleudert werden. Als erstes ging ein Knecht, so die damals übliche Bezeichnung, mit der Forke zwischen den gelben Knollen hindurch und warf das abgestorbene Kraut auf einen Haufen.

Später wurde es abgebrannt. Den Geruch spüre ich noch heute beim bloßen Wort “Kartoffelfeuer” in der Nase. In die Glut warfen wir gerade geerntete Kartoffeln. Die verbrannten mehr als das sie gar wurden, schmeckten aber wunderbar.

Bauer Möbius benötigte viele Hände, um die Kartoffeln aufzuraapen. Dafür schickte er den Trecker mit Anhänger nach Niemegk. Der wartete auf die 12-13jährigen Jungen an der Ecke von Groß- und Jüterbockerstraße an der alten Postsäule.

Möbius verließ sich darauf, daß ich genügend Schulkameraden zusammen bekam. 6 oder je nach dem auch schon mal 8 Mark am Tag, eine Wurststulle und ein warmes Mittagessen lockten. Was sollte man auch sonst in den Ferien machen.

Also sprangen alle auf den Hänger, setzten sich auf dessen Boden und lehnten sich an die Seitenwände.

Und ab gings. Im wahrsten Sinne über Stock und Stein. Bei der flotten Fahrweise flogen wir schon mal gefährlich hoch. Die Fahrt ging vorbei an Hohenwerbig, dann weiter Richtung Fläming-Höhen mit dem Ziel Zixdorf.

In der Regel wurden die Kartoffeln von bereits geschleuderten Reihen in Körbe aufgelesen, die dann in Anhänger ausgekippt wurden. Wir fingen flott an, wurden aber immer langsamer. Jeder freute sich auf die erste Pause mit der Wurststulle.

Nichts half, wir wurden immer bummeliger. Richtig Ärger mit Möbus` Leuten gab es, weil der eine oder andere nur die großen Kartoffeln aufraapte, die kleinen aber liegen ließ oder sogar in die Erde trat. Doch gerade die brauchte man als Schweinefutter. “Morgen kannst du zu Hause bleiben. Leute wie dich können wir hier nicht gebrauchen”.

Unterm Strich war Kartoffeln raapen langweilig. Es sei denn, es passierte etwas. Einmal ging der Motor von den Trecker aus. In dem Moment lief ein Wildschwein quer über den Acker. Der Fahrer packte sich einen großem Schraubenschlüssel und rannte hinter der Wildsau her. Doch die war schneller.

Ein anderes Mal sahen wir in der Mittagpause im Graben neben der Chaussee drei russische Soldaten. Ein paar von uns gingen zu ihnen. Vom Alter könnten sie größere Brüder von uns gewesen sein. Vertändigen konnten wir uns nur mit Händen und Füßen, aber das machte nichts.

Sie luden uns ein und wir setzten uns neben sie. Sie hoben eine Zeltbahn an. Da kam ein Telefon zum Vorschein, seitlich ein Kasten mit einer Kurbel. Dann ein Stück Brot, seitwärts davon in einer aus Zeitungspapier gefalteten Tüte etwa ein Pfund Zucker.

Jetzt wußten wir, sie gehörten zu einem Manöver.

Einer griff mit der rechten Hand in seine Uniformhose. Nach ein paar Bewegungen kam eine Zigarette zum Vorschein. Als Papier diente ein Stück Zeitung aus der Prawda. Darin als Tabak krümeliger Machorka. Als einer von uns zeigte, daß er ein russisches Wort kannte und Papirossi sagte, freuten sie sich.

Sie boten an, doch mal zu probieren. Einer griff beherzt zu, zog kurz – und kaum aus dem Husten nicht mehr heraus. Ich verdrehte daraufhin die Arme zu einem Kreuz und dankte.

Bald war die Pause vorbei und wir mußten wieder Kartoffeln raapen. Als wir am nächsten Tag nachschauten, war der Chasseegraben leer.

Jahre päter erfuhr ich, daß die Russen ihre Manöver für einen schwunghaften Handel nutzten. Den Bauern verkauften sie Diesel in 20-Liter-Kanistern. Entweder für die Landeswährung, da sie keine DDR-Mark besaßen, jedenfalls die niederen Ränge. Oder für Schnaps Nordhäuser Provenienz. Von dem konnten sie nicht genug bekommen, denn bei der Truppe herrschte absolutes Alkoholverbot.

Die Bauern ihrerseits bekamen normalerweise den Sprit nur auf Bezugsschein. Und dann zu einem horrenden Preis. Da entpuppte sich der Handel mit den Russen als eine unwiderstehlich günstige Gelegenheit.

© Martin Krolzig