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1.5.24 Stundengebet
Nach meiner Pensionierung trainierte ich zusammen mit einem befreundeten Polizisten Führungskräfte von zwei DAX-Unternehmen. Stresserfahrungen und Stressbewältigung standen im Mittelpunkt eines Turns von einer Woche. Die Teilnehmerzahl war auf 12 Personen beschränkt. Ein ausgedrucktes Programm für die Tage gab es nicht. Doch jeder Teilnehmer erhielt eine Mappe mit Arbeitsmaterial und Hintergrundinformationen. Immer wieder neu für das aktuelle Seminar zusammengestellt.
Teilnehmer wie Trainer trafen sich im Seminarraum eines Hotels mit der üblichen Ausstattung. Flipchart und so. Nur Tische fehlten, hinter denen man sich setzen konnte. Dafür in der Mitte des Raums ein Stuhlkreis.
In der Regel begann ich am Montagmorgen mit Informationen, was in der Woche auf die Teilnehmer zukommen wird. Manchmal aber auch, in dem ich ruhig in die Runde schauend, langsam sprach: „Die Nacht ist vergangen, der Tag ist herbeigekommen.“ Lasset uns wachen und nüchtern sein und abtun, was uns träge macht; „Lasset uns laufen mit Geduld in dem Kampf, der uns verordnet ist.“
Dem folgte in der Regel eine längere Vorstellungsrunde. Manchmal wiederholte ich den Spruch auch an einem der nächsten Tage. Jemand fragte dann schon mal in der Feedback-Runde, was das am Anfang für ein interessanter Spruch gewesen sei. Ich nickte freundlich, beließ es aber dabei.
Einige Male verwies ich an der Stelle auf den antiken Helden Odysseus. Der irrte jahrelang nach dem Krieg vor Troja durch die griechische Inselwelt. Dabei immer sein Ziel vor Augen, die Heimat Ithaka und seine Ehefrau Penelope zu erreichen. Was letztlich auch klappte. Wie Sie sehen, schloss ich meinen Ausflug in die vorwissenschaftliche Literatur. Man kann den Spruch auch in die Stresswelt übersetzen.
Dass ich den eigentlichen Schluss des Spruches weggelassen hatte, erwähnte ich nicht. Der lautet: „… und aufsehen auf Jesus, den Anfänger und Vollender des Glaubens“. Das hätte ein ein neues Faß aufmacht. Andererseits wussten alle, dass ich früher meinen Lebensunterhalt als evangelischer Pfarrer verdient hatte.
Im Zusammenhang eines Stressseminars reichte mir der Spruch auch ohne den frommen Schluß. Weil er seine Wirkung auch so entfaltet.
Doch an dieser Stelle soll die Erklärung folgen, wo und wie ich ihn mit dem „lasst uns wachen und nüchtern sein und abtun, was uns trügt und laufen mit Geduld“ kennenlernte. Das war im morgendlichen Stundengebet, an dem mein Vater, wie ich ebenfalls Pfarrer, sein ganzes Leben unbeirrt festhielt.
Dafür besaß er ein Buch mit verschiedenfarbigen Bändchen. So konnte er vom Psalm über das Vater Unser bis zum Segen leicht umblättern. Damit entfaltete sich eine einfache und klare Ordnung. Der Eingangsspruch, man könnte auch sagen, das Motto für den Tag, blieb immer gleich. So hat er sich in mein Gedächtnis eingeprägt. Er erdet mich. Ich könnte auch sagen, er wirkt wie ein Radarstrahl, der mich zwischen Euphorie und depressiven Anwandlungen durchlotst.
In Niemegk gingen wir für das Stundengebet in die Kirche und sammelten uns vor dem Lesepult. Neben den Familienangehörigen und den Mitarbeitern noch ein, zwei Fremde. Das schien den Vater nicht zu kümmern. Auch am Ende seines Lebens in Bierenbachtalda folgten ihm auf dem Weg zur Kapelle nur wenige. Das morgendliche Stundengebet brauchte er für sich. So mein Eindruck.
P. S. Erst viel später lernte ich, dass es auch ein abendliches Stundengebet gibt. Natürlich. Ich hatte es nur nicht bemerkt. Jetzt spreche ich es immer vor dem Zubettgehen: „Unser Abendgebet steige auf zu dir, Herr, und es senke sich auf uns herab dein Erbarmen; Dein ist der Tag und dein ist die Nacht; Lass, wenn des Tages Schein vergeht, das Licht deiner Wahrheit uns leuchten; geleite uns zur Ruhe der Nacht und vollende dein Werk an uns in Ewigkeit. Amen.
Einschlafstörungen jedenfalls kenne ich nicht mehr.
© Martin Krolzig