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6.2.23 In alle Ewigkeit

In alle Ewigkeit
Zweimal findet sich sein Name in Stein gemeißelt in der Kirche, zweimal wird seiner in St. Johannis zu Niemegk für alle Zeiten gedacht: Dr. Ernst Hansen. Einmal unübersehbar unter „Unseren Opfern“ bei den Gefallenen des Jahres 1943, dann eher unauffällig auf der unteren Rückseite des steinernen Lesepultes. Da liest der Besucher: „In memoriam Pfarrer Dr. Ernst Hansen gefallen 5. Mai 1943“. Sein Nachfolger im Niemegker Pfarramt, also mein Vater, sorgte Anfang der Fünfziger Jahre für die Zeile.
Ob seine Witwe die Inschrift zur Kenntnis genommen und wenn ja, ob sie ihr etwas bedeutet hat? Ich frage mich heute, was in ihr womöglich an bitteren Gefühlen hochgekommen sein mag. Ob sie nicht in den zwei Zeilen den steingewordenen Hinweis auf ein schlechtes Gewissen von Günter Krolzig sah?
Seit der Taufe in der eiskalten Rädigker Kirche im Februar 1941 gehörte Edeltraud Hansen zu meinen Paten. Der illustre Paten-Kreis spiegelt wider, wie der taufende Vater seinen Sohn eingebettet wissen wollte. Neben der Gattin seines Niemegker Kollegen und einem Bauern vor Ort, zählten Angehörige seines Berliner Freundeskreises dazu. Unter ihnen der Oboer der Berliner Philharmoniker und ein höherer Beamter der Kulturbürokratie, auch ein Professor für Theologie aus Rostock, der allerdings bei der Taufe in Rädigke nicht anwesend war.

Anfang 1941 konnte man sich noch der Illusion hingeben, dass es mit dem Krieg im Osten bald vorbei sei. Doch 1943 zerstörte die brutale Wirklichkeit jede Illusion. Am 2. Februar 1943 siegte die Sowjetunion an der Wolga. Die verheerenden Nachrichten schlugen wie das Feuer aus einer Stalinorgel überall ein. Auch auf dem Fläming.
Die Hansens lebten mit ihren zwei kleinen Töchtern im Niemegker Pfarrhaus. Natürlich mietfrei. Die Bestimmungen sahen vor, dass nach dem Tode eines Pfarrers die Familie innerhalb eines halben Jahres die Dienstwohnung zu räumen habe. Wohin mögen die Drei umgezogen sein?
Immerhin gehörte Edeltraud Hansen ja zu meinen Paten. Einem Pfarrer mußte man nicht sagen, was das bedeutet. Noch dazu, wo er ihr selbst im Februar 1941 in der eiskalten Rädigker Kirche das feierliche Versprechen abgenommen hatte. Das Patenamt soll eine stabile Beziehung stiften, die mehr bedeutet als eine Freundschaft.
Gerne wüßte ich mehr über die Zeit. Doch sie bleibt im Dunkeln. Es gibt allerdings ein paar Lichtpunkte. Die drei Hansens zogen in die Jüterboger Straße. Und: Der geheime Englischunterricht von Edeltraud Hansen, von dem noch zu berichten sein wird, fand im Pfarrhaus statt.
Die Berliner Behörde ernannte 1943 den Rädigker Pfarrer Günter Krolzig zu Hansens Nachfolger. Für meinen Vater bedeutete das einen Schritt in seiner Karriere und eine Wende in seinem Leben. Kurz danach wurde er auch zum Superintendenten des Kirchenkreises Niemegk ernannt. Soldat mußte er im Gegensatz zu Ernst Hansen nicht werden. Er war u.k. gestellt, also unabkömmlich. Seit 1944 war er der einzige Pfarrer auf weiter Flur.
Edeltraud Hansen wurde nach dem Krieg Lehrerin. Auch meine. Auf den ersten Blick prägten sich mir zwei Eindrücke ein. Ihr zugewandtes Lächeln und ihr Humpeln. Ursache war ein Klumpfuß, weshalb sie spezielle Schuhe tragen mußte. Tag für Tag die gleichen, Doch je länger man sie kannte um so weniger nahm man ihr Handicap wahr. Heute frage ich mich, ob sie nicht unter ständigen Schmerzen litt.
Tante Hansen, so nannte sie der Junge, unterrichtete Deutsch. Den Osterspaziergang und John Maynard kann ich noch heute aufsagen.
Ihre begabte Tochter Irene befand sich mit mir in der gleichen Klasse. Das schlanke wie sportliche Mädchen trug die Ausstrahlung ihrer Mutter in die nächste Generation. Genau wie deren strategische Zielstrebigkeit.
Auf welch gefährliches Gebiet sich Edeltraud Hansen begab, erfuhr ich erst im Januar 2023. Da rief mich eine ehemalige Klassenkameradin an. Sie berichtete mir von einem geheimen Englischunterricht. Zu dem lud sie eine Handvoll besonders begabter Mädchen ein. Gewiß gehörte auch Irene zu dem kleinen Kreis der Auserwählten.
Lenins Mahnung „Lernen, lernen, nochmals lernen“ hing als Spruchband in allen Klassenzimmern. Lernen hieß für den Bereich der Fremdsprachen ausschließlich Russisch lernen. Nur woher die Russischlehrer in der sowjetischen Besatzsungszone bzw. der frühen DDR nehmen? Also wurden Junglehrer an die pädagogische Front geworfen.

Robert-Koch-Scule vom Kirchturm gesehen
An die Robert-Koch-Schule in Niemegk erschienen Fräulein Schrock und Fräulein Mischke.
Eines Tages stand auf der hinteren Ladeklappe eines Angängers von Bauunternehmer Sch. „Fräulein Schrock hat geborn einen Iwan ohne Ohr“. Auf einem anderen war zu lesen: „Fräulein Schrock, heb den Rock, Herr Gmeiner war der Bock“.
Da tat sich für den Lehrer ein Minenfeld auf. Einen Vaterschaftstest gab es noch nicht einmal als Begriff. Also hieß es abwarten, bis ein Blick in den Kinderwagen allen zeigt, der Vater kann nicht streiten, wie das negativeTestergebnis auf Niemegk’sch hieß. Fiel das hingegen positiv aus, war der Fall auch erledigt. Auch im Fläming kannte man kollektive Entscheidungsprozesse. Doch die brauchen Zeit.
Ende des 1. Teils der Geschichte
© Martin Krolzig