Blog
19.4.24 Apotheker Rose
Ob der Niemegker Pharma-Shop schon immer den Namen des Forschers Robert-Koch trug? Geh mal zu Herrn Rose, hieß es in der Familie des Jungen. Das reichte. Der Ort nahe Fußen’s Ecke war der gleiche, an dem heute das geschlossene Geschäft am Ende der Großstraße mit seinen heruntergelassenen Jolousien traurig stimmt.
Über der Apotheke befanden sich damals zwei Schilder: Allopathie und Homöopathie. Das war überall Standard. Jeder wusste, was er hier bekam. Allopathie, also Tabletten und Salben, die in chemischen Betrieben produziert werden. Dagegen konnte man unter dem Stichwort Homöopathie allerlei Tropfen kaufen, die nach dem Verfahren von Samuel Hahnemann hergestellt wurden.
Hätte man Apotheker Rose nach seiner Meinung gefragt, würde er wie die Mehrzahl seiner Kollegen wahrscheinlich beiden Verfahren den gleichen wissenschaftlichen Standard bescheinigt haben. Vielleicht sogar mit dem Zusatz, dass die Homöopathie die modernere Variante sei.
Jedenfalls war das die feste Überzeugung meiner Mutter. Sie hielt sich durchaus für modern. Das konnte man schon an ihrer Kücheneinrichtung erkennen, die aus den zwanziger Jahren stammte. Weiß, glatt und selbstverständlich im Bauhaus-Stil. Das galt auch für den Vater. Die flache Bauhauslampe mit der Milchglasscheibe, die in seinem Arbeitszimmers hing befindet sich noch heute in meinem Besitz.
Ihre Kinder verarztete die Mutter mit Hahnemanns Tropfen. Bei Stürzen, Prellungen wie auch bei einer Gehirnerschüttung hörte man aus allen Ecken: „Nimm Arnika, nimm Arnika.“ Dafür musste man nicht extra zu Herrn Rose gehen. Arnika-Tropfen gehörten zur Grundausstattung der Krolzigschen Hausapotheke.
Homöopathie wirkte allerdings nach Muttis Überzeugung nur bei Menschen, die weder Rauchen noch Alkohol trinken. Damit fiel ihr Mann für Hahnemanns Medizin von vornherein aus. Blieben die Kinder.
Erkrankte der Junge, rief sie keinen Heilpraktiker, sondern den studierten Arzt. Eine Leuchte der Wissenschaft muss er nicht gewesen sein. Zunächst hörte er den Patienten sorgsam ab, um dann zu erklären: „Ansatz Lungenentzündung“. Das wurde in der Familie zum geflügelten Wort.
Der Hausbesuch endete mit der Ausstellung eines Rezeptes. Mit dem ging sie anschließend zu Herrn Rose. In medizinischen Fragen vertraute sie ihm blindlings. Der schlug ihr dann vor, welche homöopathischen Mittel an Stelle der ärztlich verordneten Tabletten einzunehmen wären. Die kaufte sie, der Junge schluckte sie – und wurde gesund. Auch bei dramatischen Ereignissen, wie einem Überfall von Wespen und einer Blutvergiftung.
PS: Meine eigenen Kinder bekamen bei Erkältungserkrankungen schon nicht mehr Acconid und Belladonna. Über keiner der von mir aufgesuchten Apotheken befand sich ein Hinweisschild mit der Aufschrift „Homöpatie“. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse hatten die Verhältnisse zurecht gerückt.
Aber ich hielt es wie meine Mutter. Den Apothekerinnen und Apothekern schilderte ich die Symptome der Sprösslinge und fragte sie dann, wozu sie mir raten würden. Ihrer Empfehlung folgte ich. Das mache ich bis heute. Ein spätes Erbe von Apotheker Rose?
Auch die Skepsis meiner Mutter gegenüber Ärzten hat sich vererbt. Da sitzt der Herr Doktor in seinem Arbeitszimmer hinter einem Schreibtisch und signalisiert körpersprachlich, daß seine Zeit knapp bemessen ist. Hausbesuche macht er ohnehin nur im äußersten Notfall.
Nach einem kurzen Gespräch fällt ihm das Medikament ein, von dem er schon immer wußte, daß es nichts besseres gibt. Im gleichen Atemzug schreibt er seine Verordnung auf den Rezeptblock. Tschüss & raus auch für den Privatpatienten. Der Kassenpatient kann es schon mal kürzer erleben: „Wie, sind Sie schon wieder da?“
Den Informationsvorsprung von Apothekerinnen und Apothekern über die pharmakologischen Angebote halte ich für uneinholbar. Außerdem verfügen sie über das Feedback ihrer Kunden, wissen also, was eher gut bzw. kaum hilft. Also gehe ich immer zuerst zu ihnen – und erinnere mich dabei dankbar an Apotheker Rose in Niemegk.
© Martin Krolzig