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26.12.23 In der Waschküche

Neugierde stellt sich nicht ein, wenn man auf das Fenster blickt. Von den einzelnen Scheiben fehlt oben rechts ein Glas. Man ahnt den Verfall dahinter.
Mein Blick bleibt an den Rahmen hängen. Es wird der alte sein, der Licht in die Waschküche ließ. Damals, als der Junge noch hier lebte. Da stand in der Mitte ein gewaltiger Kupferkessel. Unter ihm eine Feuerstelle. Ob es ihn noch gibt oder ob jemand seinen Wert als Edel-Schrot erkannte, ihn herausbrach und versilberte?
In ihm kochte Mutti alle paar Wochen die Wäsche der Familie. Das war seine normale Verwendung, Doch es gab eine Zeit, da trat sie wie alle anderen Nutzungen in den Hintergrund. Das war 1945/46. Da kochte Mutti jeden Tag für Flüchtlinge aus dem Osten. Keiner hatte ihr das beigebracht, niemand fragte, ob sie sich das auch zutraue. Flüchtlinge zogen in kleinen und großen Trecks durch Niemegk auf Wagen, die sie selbst zogen. Darauf auch viele Kinder. Und alle hatten Hunger.
In einem Zimmer standen auf dem Weg zur Waschküche neben Säcken mit Mehl Rosinen-Kisten. Geliefert von Quäkern aus den USA, Der Junge staunte und behielt das Bild. Eine Geschichte des Kessels wäre unvollständig, wenn sie nicht auch an dieser Stelle an die Ereignisse nach Kriegsende erinnern würde.
Zweimal im Jahr spielte der Kessel eine Hauptrolle. Im Herbst zur Zeit der Pflaumenernte wurden eimerweise entsteinte Früchte hereingekippt. Irgenwann standen die Pflaumen knapp unterhalb des Randes. Dann machte Mutti unter ihm Feuer. Eher mit großen Holzstücken. Eine langanhaltende Glut sollte entstehen.
Jetzt mußte gerührt werden. Stundenlang. Spaß machte das niemand. So wechselte man sich ab. Auch der Junge konnte sich nicht drücken. Wenn er dran war, übernahm er die Mußspritze von seinem Vorrührer. Die sah aus wie ein umgedrehter Galgen. Mit der mußte er ohne Unterbrechung rühren. Langsam, doch immer bis auf den Boden des Kessels. Nur so konnte verhindert werden, daß die Pflaumen ansetzten und das Mus bitter schmeckte. Eine Katastrophe, an die man ein Jahr lang bei jedem Frühstück erinert wurde. Immer verbunden mit dem Vorwurf, mal an den, mal an jenen: Du hast nicht aufgepaßt.
Pflaumenmus gehörte zum täglich Brot. Einen anderen Aufstrich am Morgen gab es nicht. Marmelade konnte man nicht kaufen. Damals, als es noch neben Fleisch- auch kostbare Zuckermarken gab. Die wurden 100 grammweiß ausgeschnitten. Es dauerte Jahre, bis sich die Situation besserte und man mit in West-Berlin gekauftem Opekta selbst Marmelade kochen konnte. Dann schon nicht mehr im Kessel, sondern auf dem Herd in der Küche.
Mutti, wann ist das Mus endlich fertig? Noch lange nicht. Wenn man oben mit der Musspritze eine Acht scheiben konnte.Davon konnte noch eine ganze Weile nicht die Rede sein. Um zu sehen, wie lange man noch rühren mußte, konnte es der Junde nicht vermeiden, dicht an den Kessel heranzutreten. Irgendwan, wenn die Pflaumenmasse dickflüssiger und das Feuer zu stark wurde, fing das köchelnde Zeug an zu spritzen. Und das tat weh. An den Händen ging es noch, doch im Gesicht tat es richtig weh.
Irgendwann nahm Mutti die Glut aus der Feuerstelle und das Pflaumenmus konnte abkühlen. Verfügte man über Gläser, konnte es in die abgefüllt werden. Vor allem nutze man Steinguttöpfe aus Görzke. Manchmal streute man oben Salicylsäure darüber, wenn man sich nicht sicher war, ob das Mus lange genug gekocht hatte.
Man konnte auch versuchen ein Vakuum herzustellen. Das hing davon ab, ob man in West-Berlin Cellophanpapier besorgen konnte. Omi in Steglitz machte es möglich. Dann machte man das Papier feucht und spannte es mit einer Strippe fest um den Rand des Glases. Mal klappt es, manchmal auch nicht. Deshalb mußten die Gläser alle paar Tage kontrolliert werden. Sah man Schimmel auf dem Pflaumenmus, muße das Cellophanpapier schnell entfernt und der Schimmel abgekratzt werden.
Das Schlachtefest dagegen machte dem Jungen mehr Spaß. Da brauchte man den Kessel mehr als sonst. Davon berichtet der 2. Teil der Geschichte.
© Martin Krolzig