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7.3.26 Krieg

Zum ersten Mal hörte ich von dem Clausewitz-Werk “Vom Kriege” während meiner Zeit als Militärpfarrer in den Siebzigern. Da las ich, dass in der Generalstabsausbildung der US-Offiziere das deutsche Buch eine Rolle spielen würde. Interessent, dachte ich, kaufte es aber damals nicht.
Vor ein paar Monaten bestellte ich es dann doch. “Aus gegebenen Anlass” wie es so schön heißt. Und erfuhr dabei, dass auch eine Reihe weiterer Staaten das Werk in der Ausbildung seiner führenden Offiziere verwendet. Clausewitz selbst spricht von Kriegswissenschaften.
Dann die Überraschung: “Vom Kriege” wurde von einer Frau herausgegeben. Was sie in der Vorrede zur ersten Auflage schreibt, fand ich so beeindruckend, dass ich es hier zitieren möchte: “Es wird mit Recht befremden, dass eine weibliche Hand es wagt, ein Werk von solchem Inhalt wie das vorliegende mit einer Vorrede zu begleiten. Für meine Freunde bedarf es hierüber keiner Erklärung, aber auch in den Augen derer, die mich nicht kennen, hoffe ich durch die einfache Erzählung dessen, was mich dazu veranlasste, jeden Schein einer Anmaßung von mir zu entfernen.
Das Werk, dem dieser Zeilen vorangehen sollen, hat meinen unaussprechlich geliebten, mir und dem Vaterlande leider zu früh entrissenen Mann während der letzten zwölf Jahre seines Lebens fast ausschließend beschäftigt. Es zu vollenden, war sein sehnlichster Wunsch, aber nicht seine Absicht, es während seines Lebens der Welt mitzuteilen und wenn ich mich bemühte, ihn von diesem Vorsatz abzubringen, gab er mir oft halb im Scherz, halb aber auch wohl im Vorgefühl seines frühen Todes, zur Antwort: »Du sollst es herausgeben. Diese Worte (die mir in jenen glücklichen Tagen auf Tränen entlockten sowenig ich damals geneigt war, ihnen eine ernsthafte Bedeutung unter zulegen) sind es nun, die es mir nach der Ansicht meiner Freunde zur Pflicht machen, den hinterlassenen Werken meines geliebten Mannes einige Zeilen vorauszuschicken; und wenn man auch darüber verschiedener Meinung sein kann so wird man doch das Gefühl gewiss nicht missdeuten, das mich veranlasst hat, die Schüchternheit zu überwinden, welche einer Frau jedes auch noch so untergeordnete Auftreten der Art so sehr erschwert«. Wer unsere glückselige Ehe gekannt hat und weiß, wie wir alles miteinander teilten, nicht allein Freude und Leid, sondern auch jede Beschäftigung, jedes Interesse des täglichen Lebens: der wird begreifen, dass eine Arbeit dieser Art meinen geliebten Mann nicht beschäftigen konnte, ohne auch mir genau bekannt zu sein…
Geschrieben im Marmor-Palais bei Potsdam, den 30. Juni 1832. Marie von Clausewitz, geborene Gräfin Brühl, Oberhofmeisterin Ihrer Königlichen Hoheit der Prinzessin Wilhelm.”
Mit „Vom Kriege“ verfasste Carl von Clausewitz’ ein Werk über das Wesen des Krieges, seine politischen Ursachen und strategischen Gesetzmäßigkeiten. Als eine „wunderliche Dreifaltigkeit“ beschreibt der Autor drei Grundkräfte, die jeden Krieg prägen: Leidenschaft/Gewalt, Zufall/Chance und politische Zweckmäßigkeit. Sie bilden ein dynamisches Spannungsfeld, das verständlich macht, warum der Krieg, obwohl unberechenbar, dennoch analysierbar ist.
Der Autor definiert den Krieg als die „Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln“. Er ist für ihn kein isoliertes Ereignis, sondern ein politisches Instrument, das aus politischen Spannungen entsteht und auf politische Ziele ausgerichtet bleibt.
Clausewitz spricht von Friktion & Nebel des Krieges. Unter Friktion subsumiert er alles, was im Krieg schiefgehen kann: Missverständnisse, Wetter, Erschöpfung, Chaos. Nebel des Krieges sind für ihn unvollständige Informationen, Unsicherheit, Fehleinschätzungen.
Auf dem Hintergrund erweist sich jede militärische Planung als schwierig. Deshalb erfordert der Krieg Führungspersönlichkeiten mit Mut und Anpassungsfähigkeit.
Clausewitz hält die Verteidigung für die stärkere Form des Krieges, da sie weniger Ressourcen benötigt und den Vorteil des Geländes und der Vorbereitung bietet. Der Angriff dagegen ist wohl die aktivere Form, aber ungleich riskanter und ressourcenintensiver.
Doch die Politik bleibt immer der unverrückbare Maßstab. Selbst im heftigsten Krieg darf das politische Ziel niemals aus dem Blick geraten. Ein Krieg, der sich von seinem politischen Zweck löst, wird irrational und so brandgefährlich.
© Martin Krolzig