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31.3.24 Ostern & Sonntag

Der Sonntag, erfahre ich bei Wikipedia, ist im deutschsprachigen Raum und dem überwiegenden Teil der Welt vom Siebten auf den letzten Wochentag zurückgestuft geworden. Genormt mit einer eigenen ISO. Das bleibt für immer so, soll das wohl heißen. Amen?

Die Entscheidung greift erst seit ein paar Jahrzehnten. Die Airlines – und auf die geht die Veränderung letztlich zurück – ernteten von allen Seiten Applaus, als sie forderten, aus dem Montag den ersten Wochentag zu machen. Für die weltweiten Flugpläne sei dies unbedingt erforderlich, lautete die Begründung. Damals verbreitete noch Peter Stuyvesant den Duft der großen, weiten Welt. Und in der Kleinen sang Robert Gilbert: „Am Sonntag will mein Süßer mit mir Segeln gehen.“

Heute feiert die abendländische Christenheit Ostern (die Orthodoxen begehen das Fest zu einem späteren Termin). Mit einem der höchsten Feiertage verbindet sich unauflöslich, dass der Sonntag der erste Tag der Woche ist.

Ach ja? Wusste ich gar nicht, würde mein religiös unbegabter Nachbar einwenden. Nur eine Minderheit erinnert sich noch, dass das mal anders war. Der Mehrheit genügt ein „Frohes Ostern“, bevor sie sich in ein verlängertes Wochenende verabschiedet, um sich am Hoppeln der Häschen zu erfreuen.

Da Aufklärung bekanntlich nie schaden kann, empfiehlt sich ein Blick in die Bibel. So viel Zei muss sein, würde Harald Schmidt an der Stelle jetzt sagen und das Buch der Bücher bei Matthäus 28, 1 aufschlagen. Da heißt es in meiner alten Luther-Bibel: »Als aber der Sabbat um war und der erste Tag der Woche anbrach, kamen Maria Magdalena und die andere Maria, das Grab zu besehen… Und der Engel sprach zu den Weibern: Fürchtet Euch nicht!« Ich weiß, dass ihr Jesum, den Gekreuzigten, sucht. Er ist nicht hier; er ist auferstanden, wie er gesagt hat. „Kommt her und sehet die Stätte, da der Herr gelegen hat.“ Es mag modernere Übersetzungen geben. Doch der Kern ist immer und überall der Gleiche. Zu Wochenbeginn, also einem ganz normalen Arbeitstag, ist der verratene, gekreuzigte und begrabene Jesus von den Toten auferstanden.

Die ersten Christen adelten den Ostersonntag und nannten ihn „Tag des Herrn“. Griechisch κυριακὴ ἡμέρα, lateinisch dies domenica – soviel an toten Sprachen muss auch mal sein. Die romanischen Sprachen griffen die Bezeichnung auf. Sie nannten den Sonntag „Domenica“ (italienisch), „Domingo“ (spanisch) und „Dimanche“ (französisch).

Benennung und Einteilung der Wochentage gehen auf die alttestamentliche Schöpfungsgeschichte zurück. Gott, so heißt es, benötigte für die Erschaffung der Welt ganze sechs Tage. Am Siebenten ruhte er sich aus. So kam es zum Sabbath. Den die Menschen in Erinnerung an die göttliche Großtat feiern sollten.

Für die antiken Gesellschaften, in denen eine winzige Oberschicht nie und die Masse der Menschen rund um die Uhr arbeiten musste, bedeute der jüdische Festtag eine Revolution. Denn so heißt es in der Aufzählung der 10 Gebote 2. Mose 20,8: „Sechs Tage sollst du arbeiten und alle deine Dinge beschicken; 1 Aber am siebenten Tage ist der Sabbat des Herrn, deines Gottes; „Da sollst du kein Werk tun.“ Soweit bekannt. Doch dann heißt es: „… noch dein Sohn noch deine Tochter noch dein Knecht noch deine Magd noch dein Vieh noch dein Fremdling, der in deinen Toren ist.“ Im Prinzip wurde damit das antike Gesellschaftsmodell aufgehoben.

Zurück zu Ostern. Die Degradierung des Sonntags lässt die schöne alte Konstruktion aus den Angeln kippen. Genau wie Weihnachten besteht Ostern aus einer Reihe kleiner, einfacher Geschichten. Zusammengesetzt wirken sie wie ein Mosaik oder Puzzel. Der Betrachter erkennt das fertige Bild. „Schöne Ostern“ möchte man unwillkürlich sagen.

Die einzelnen Geschichten leben davon, dass sie erzählt werden. Nur so wirken sie. Muß man z. B. erst lang und breit erklären, was es mit dem ersten Tag der Woche, der jetzt der letzte sein soll, auf sich hat, beginnt das große Stolpern. Lange bevor es mit den Ostergeschichten und Osterchorälen richtig losgehen könnte. Oder noch schlimmer: Die Münder öffnen sich zum großen Gähnen. Das aber wäre der schleichende Osterntod.

© Martin Krolzig