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11.9.24 Finis, die letzte

Erika Krolzig, also meine Mutter, langjähringe Pfarrfrau vom Fläming, dort, wo man noch wußte wie der Hase läuft, kann und will es nicht mehr verbergen: Sie lächeld im Gefühl, es geschafft zu haben..
Sie hatte O. S., der hier nach der Taufe seiner Erstgeborenen in einem zu großen Mantel steckend lässig daneben steht, (»Man kann gegen alles verstoßen, nur nicht gegen die Form«) als ihren Enkel adoptiert. Und damit ihn und seine Kinder zu einem Teil der Familie Krolzig gemacht. So sicherte sie in ihren Augen den Fortbestand der Krolzigs. Nicht genealogisch, was ihr kaum etwas bedeutete.
Das christliche Wertegerüst der Familie freilich verschraubte sie neu. Für kommende Generationen sollte so kein Zweifel an seiner Tragfähigkeit aufkommen. Begründet und symbolisiert durch das alte Taufkleid der Familie Krolzig. Mein Vater empfing in ihm wie seine beiden Brüder das heilige Sakrament. Genauso wie später meine Schwester und ich selbst. Plus Cousinen & Cousines. Ihre Namen sind alle in das ehrwürdige Textil eingestickt. Natürlich auch der meiner Tochter Sabine.
Dass meine Mutter das alte Taufkleid überhaupt weiterreichen konnte, darf als Wunder gelten. Es überstand die letzten Kämpfe des 2. Weltkriegs vor Berlin, überlebte die DDR und überdauerte schließlich unbeschadet die Übersiedlung der Eltern in die Bundesrepublik.
An der Stelle muss an die Kirchenpolitik der DDR erinnert werden. SED-Generalsekretär Ulbricht und seine Partei wussten, dass sie die Kirchen nicht wie ihr Vorbild Josef Wissarionowitsch Stalin brutal auf die Hörner nehmen konnten. Dafür war sie damals in Mitteldeutschland noch zu stark und der Westen zu nah.
Die Einheitssozialisten wählten einen langfristig angelegten Weg, der nach ihrer Einschätzung zum gleichen Ziel führt. Der hieß sozialistische Eheschließung und sozialistische Namengebung. Der Akzent lag nicht auf sozialistisch sondern auf dem Ergebnis. Wer zwei und zwei zusammenzählen konnte wußte, dass bei Ehepaaren, die sich nicht mehr kirchlich trauen und ihre Kinder nicht mehr taufen lassen, die Verbindung zur Kirche nachhaltig gekappt ist. Sie konnte den ungleichen Kampf à la longue nur verlieren.
Doch sie gab weder auf noch kniff sie den Schwanz ein. Der sozialistische Staat förderte seinerseits durch allerlei Anreize den von ihm initiierten Prozess. Von unserer Familie ging jedenfalls niemand zu einer standesamtlichen Hochzeit oder sozialistischen Namensgebung. Darüber zerbrachen Beziehungen, auch langjährige Freundschaften.
Aber der Arbeiter- und Bauernstaat ist doch schon lange Geschichte? An L. und dem Mann, mit dem sie zusammenlebt, läßt sich ablesen, daß er sein gesellschaftspolitisches Ziel erreicht hat. Die beiden sind nicht kirchlich getraut, nicht einmal standesamtlich. Ihre beiden Kinder blieben ungetauft. Es ist anzunehmen, daß sich auch deren Nachwuchs weder kirchlich trauen noch die Kinder taufen lassen.
Der Prozess der Entkirchlichung funktioniert so zuverlässing wie eine Müllverbrennungsanlage. Stets neuer Nachschub garantiert, daß deren Feuer nie ausgeht. Übrig bleibt Schlacke, die dann in Spezialdeponien entsorgt wird.
Der Entkirchlichligungsprozeß vollzog sich unmerklich wie langfristig. Als O. S. und seine Ehefrau Jahre später das Taufkleid an Sabine, meine Tochter, weitergaben, bemerkte sie, daß L.s Name, genau wie die ihrer beiden Brüder, die ebenfalls in ihm getauft wurden, nicht eingestickt war.
Bei der Einsegnung hatte ich ihr einen Luther-Erstdruck aus der Sammlung meines Vaters geschenkt. Ich dachte, das könnte ein weiteres Scharnier zur Familie Krolzig werden.
Schließlich mein 70. Geburtstag. Ich hatte die ganze Sippe ins hauptstädtische “Adlon” eingeladen. Weil die Krolzigs zu den Berliner Familien zählte und Bruder W. dort so manche Sause feierte.
Mein Geburtstagswunsch, alle sollten doch bitte “Der Mond ist aufgegangen” auswendig lernen. Hatte doch meine Mutter die Strophe “Gott laß uns dein Heil schauen” als mein Abendgebet ausgewählt. Dann “Nun danket alle Gott”. Warum, erzähle ich im Blogeintrag “Neuendorf”.
Da es im “Adlon” kein Instrument gab, ließ ich ein Tasteninstrument herbeischaffen, gab es doch in unserer Runde in Gestalt von Bruder K. einen Klavierspieler.
Anläßlich ihrer Promotionsfeier fragte mich L: „Opa, dürftest du uns eigentlich trauen?” Ihr Freund saß schweigend daneben.
Über all dem ist die Geschichte im Laufe der Jahre hinweggegangen. Es gibt keine Verbindungen mehr zur Geschichte der Familie Krolzig.
P.S,
Die Herrnhuter Losung für Samstag, den 19. Oktober 2024 lautet
Auch verlass mich nicht, Gott, im Alter, wenn ich grau werde, bis ich deine Macht verkündige Kindeskindern und deine Kraft allen, die noch kommen sollen (Psalm 71,18).

Eine Momentaufnahme vom Prozess der Entkirchlichung
Anwalt K., auch er empfing wie seine Schwester L. das Sakrament im Krolzigschen Taufkleid, hier mit Aktentasche auf dem Wege zu bzw. von seiner Eheschließung. Als ich das Foto erhielt, sah ich vor mir die feierlichen & festlichen Hochzeiten, bei denen ich als Pfarrer selbst beteiligt war.
Monate vorher hatte ich ihm noch mitgeteilt, daß ich mein Lebtag nie Gast auf einer standesamtlichen Eheschließung war. Begründet & unmißverständlich. Heute bezweifle ich, ob er mich überhaupt verstanden hat.
Die irreparable Trennung markieren zwei Zitate aus dem Alten Testament. “Ich aber und mein Haus wollen dem Herren dienen” (Josua 24, 15) und “Und ich werde bleiben un Hause des Herren immerdar” (Psam 23,6).
Meine Geschichte der Familie Krolzig ist an ihr Ende gekommen. Auf ihre letzten Glieder verweisen Grabsteine von Günter & Erika Krolzig; neben ihnen einer, der an meine geliebte Schwester Anneliese erinnert.
Doch eine Geschichte ist noch zu erzählen. Es ist die von dem rumänischen Pianisten Dino Lipatti (1917 – 1950). Der litt an einem Hodgkin-Lymphom. Freunde aus den USA schickten ihm das damals in Europa noch unbekannte Cortisol. Es half ihm über eine lange Strecke zu reisen und Konzerte zu geben. Die Nebenwirkungen von Cortisol kannte man damals noch kaum.
Dann der Zusammenbruch bei seinem letzten Konzert in Besançon am 16. September 1950. Dipatti mußte den Vortrag eines Chopin-Walzers abbrechen. Er ging zurück auf seinen Platz im Publikum.
Nach einer quälenden Unterbrechung trat er wieder nach vorne an sein Instrument. Mit Myra Hess’ Klavierbearbeitung des Schluß-Chorals aus der Kantate 147 “Jesus bleibet meine Freude” verabschiedete er sich für immer von seinem Publikum.
Vom gleichen Titel existieren mehrere frühere Dipatti-Aufnahmen.
“Jesu bleibet meine Freude von J. S. Bach” steht auch auf auf einem Stein aus Rädigke oderhalb der drei Grabsteine in goldener Schrift. Also in der Farbe, wie sie orthodoxe Ikonen-Maler für den himmlischen Hintergrund verwendeten.
Das alles läßt sich auf dem Strümper Friedhof in Meerbusch Feld I-D, Grabnummer 15-18 betrachten. Das Nutzungsrecht der Ruhestätte endet am 28.01.2043.
© Martin Krolzig