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29.9.24 Irr- und Ausweg
Von einer Strukturreform ist zu berichten. Da werden mehrere Gemeinden zu einer einzigen verschmolzen. In der Regel ganze Kirchenkreise. Alles unter einem studierten und ordinierten Pfarrer. Finanziell sind die wie Studienräte versorgt. In den ostlichen wie den westlichen Gliedkirchen des Protestantismus ganz ähnlich. In Düsseldorf z.B. sind Planungen weit fortgeschritten, alle bisherigen Gemeinden zu einer einzigen einzudampfen.
Allerorten sieht man sich mit ähnlichen Zwängen konfrontiert. Da legt es sich nahe, Lösungen in einer vergleichbaren Strategie zu suchen.
In Niemegk lassen sich nun die Sollbruchstellen jener Reform exemplarisch erkennen. Ausgelöst durch einen Schock. Wer den allerdings als einmalige Ausnahme bezeichnet, streut sich selbst Sand in die Augen. Deshalb berichte ich hier überhaupt von dem Fläming-Weg.
Die Geburtswehen bekam ich mit. Im September 2022 schrieb ich meinen Blog „Neuendorf“. Der beginnt mit der Schilderung eines Gottesdienstes: „Der Blick auf die Anstecktafel verwies auf 228.“ Wir (mit Tochter Sabine) schlugen die Nummer im Gesangbuch auf. Wenige Takte im Vorspiel. Dann begleiten ein paar helle Orgelpfeifen das Lied der Gemeinde.
Den Gottesdienst leitete Pfarrer Daniel Geißler aus Niemegk. Zu dessen Beritt gehörte wie zu Zeiten meines Vaters das benachbarte Neuendorf.
In den ungewöhnlich langen Abkündigungen erfuhren wir, dass wichtige Veränderungen ins Haus stehen. So viel verstanden wir: An Ihnen hing die berufliche Situation von Geißler und in ihrem Gefolge auch die seiner Familie. Wer da was beschließen wird, wurde für mich nicht erkennbar. Aber das lag auch am Rande meines Interesses.
Bald danach erfuhr ich im 500 Km entfernten Rheinland, dass es für Geißler gut gelaufen ist. Die Gemeinden des alten Kirchenkreises Niemegk hatte man zu einer einzigen verschmolzen. Mit dem alten Pfarrer an der Spitze.
Durch das Kirchenfenster (gemeinsamer Gemeindebrief mit Wiesenburg und Bad Belzig) erfuhr ich von den weiteren Veränderungen. Die erfolgten Schlag auf Schlag. Zusammen mit dem in „Gesamtkirchengemeinde St. Johannis Hoher Fläming“ geänderten Namen wurde allem das neugestaltete Siegel aufgedrückt.
Geißler selbst legte richtig los. Seine schon bisher beeindruckende Kreativität bekam neuen Schwung.
Dann der Schock vom 5. September. Da fischte ich aus dem Briefkasten das neue Kirchenfenster. Geißler schreibt, dass bei mir „leider… überraschend schwere Erkrankungen festgestellt wurden.“ Alle Veranstaltungen der nächsten Monate sind darum nur unter Vorbehalt bzw. werden ohne mich stattfinden müssen. Gemeinsam… mit den Kollegen der umliegenden Gemeinden werden Wege gefunden, wie die Gemeindearbeit in den nächsten Monaten weitergehen wird.
Da ich mich mit Daniel Geißler durch Besuche und einen regelmäßigen Mailaustausch besonders verbunden weiß, wurden mir beim Lesen Hände und Füße eiskalt.
Spekulationen, wie die schweren Erkrankungen seine künftige Arbeit langfristig bestimmen werden, verbieten sich. Da Geißler aus der Art seiner Erkrankungen aber auch keinen Hehl macht, muss man sich allerdings auf längerwährende Einschränkungen einstellen.
Deshalb soll im Weiteren über die Auswirkungen jener Strukturreform zu einer Gemeinde unter einem Pfarrer nachgedacht werden. Denn: Was in Niemegk geschah, kann überall passieren. Und an allen Orten stehen die Gemeinden vor vergleichbaren Problemen. Das alles unter dem Vorzeichen einer angespannten Personal- und Finanzlage.
Vertretungen in einem überschaubaren Zeitrahmen lassen sich natürlich irgendwie organisieren. Doch auch bisher wurde nicht in allen Kirchen der Gesamtkirchengemeinde Hoher Fläming an jedem Sonntag zu einem Gottesdienst eingeladen. Die Angebote weiter reduzieren als Ausweg?
Die Suche nach alternativen Lösungsmöglichkeiten lohnt. Die gibt es. Sie heißen »Lesepredigten«. In Niemegk wurden Sie zu Zeiten meines Vaters erfolgreich erprobt. Als sich dann die Personallage allmählich besserte, schien man allerdings froh, das Modell nicht mehr zu benötigen. Man ließ es im Archiv verschwinden. Darin sehe ich heute einen schweren Fehler.
In den beiden letzten Jahren des Zweiten Weltkrieges war Günter Krolzig der einzige akademisch ausgebildete und ordinierte Pfarrer im Kirchenkreis Niemegk. Deshalb war er u. K. gestellt, wurde also nicht zur Wehrmacht eingezogen. Seine Amtsbrüder waren entweder Soldaten, bereits gefallen oder vermißt. Nach 1945 blieb die Situation unverändert. Es dauert Jahre, bis sich die Lage allmählich normalisiert.
In der Berlin-Brandenburgische Kirche überall das gleiche Bild. Die Lösung fand man in besagten Lesepredigten. Die wurden zentral hergestellt und verschickt. Zusammen mit liturgischen Texten und Gebeten. Mit denen ausgerüstet luden Laien zu Gottesdiensten ein, traten an den Altar, stiegen auf die Kanzel und verlasen eine ansprechende Predigt. Gerne wüsste ich, ob der eine oder die andere auch zum Heiligen Abendmahl einluden.
Theologisch ließ sich das alles sehr wohl begründen. Die Evangelische Kirche kennt keine Priesterweihe. In der Ordination eine Art Priesterweihe light sehen zu wollen, ist ein Schmarrn. Der Protestantismus kennt nur das allgemeine Priestertum Aller. Zu dem sind die Gläubigen durch die Taufe berufen.
An der Stelle bitte keine Schnappatmung, sondern einen Rückblick auf die Strukturreform mit einem ordinierten Pfarrer an der Spitze der Gemeinde. Für römisch-katholische Gemeinden wäre sie verständlich. Denn nur der geweihte Priester kann in der Messfeier die Wandlung vollziehen. Im Gegensatz dazu kennt der Protestantismus lediglich die zwei Sakramente Taufe und Abendmahl.
Um es noch einmal auf den Punkt zu bringen: Für den Protestantismus ist die Taufe die Priesterweihe. Punkt. Aus. Amen.
So lohnt es sich unter den veränderten Bedingungen und Chancen unseres Jahrhunderts, das Modell der Lesepredigten neu zu entdecken (Team, Digitalisierung usw.). Sowohl in Niemegk, Bad Belzig und Wiesenburg als auch andernorts.
Dann ließe sich in allen Kirchen zu einem Gottesdienst einladen. Am besten überall zur gleichen Zeit. Was ein starkes Signal für die Lebenskraft des Protestantismus wäre. Abriss, Verkauf oder Vermietung von Gotteshäusern wäre hingegen eine Sünde wider den Heiligen Geist. Bekanntlich wird die nicht vergeben.
Wo nach dem Konzept „Lesepredigten“ verfahren wird, müssen für Vertretungen keine anderen Gemeinden in Anspruch genommen werden… Und in Niemagk kann sich Daniel Geißler in Ruhe und voller Zuversicht seiner Genesung widmen. Wobei ihn alle unsere Segenswünsche begleiten.
© Martin Krolzig
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