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2.2.25 Schlafökonomie

Meine Schlafgewohnten spielten sich im Laufe der letzten 10 Jahre ein. Den Hintergrund bildeten mehrer Operationen. Am gravierendsten ein Aneurysma spurium nach einer verpatzten Herzkatheder-Untersuchung. Seitdem lege ich mich am Abend um 20.00 Uhr hin, stehe um Mitternacht auf, lese und schreibe dann bis kurz vor 3.00 Uhr. Morgens wache ich gegen 6,45 auf und fühle mich fit für den Tag.

Mein Cardiologe meinte, der Körper holt sich seinen Schlaf. Egal wann. Was durchaus individuell sein kann. Schlaf-und Einschlafprobleme kenne ich nicht. Lege ich mich hin, fallen mir sofort die Augen zu. Es sei denn, mich beschäftigen unerledigte Dinge. Vor allem solche, die ich schon länger vor mir herschiebe. Was aber immer weniger passiert. Auch hier hilft ständiges Training.

Dann las ich von Schriftstellern, die nur in der Nacht arbeiten. Wiederum andere, die tagsüber einen ganz normalen Job erledigen und erst danach Zeit für ihre kreative Arbeit am Schreibtisch finden. Als Leser der Ergebnisse gewinnt man den Eindruck, daß die wie ein Jungbrunnen wirken können. Was Mut zu eigenen Versuchen macht.

Als Polizeipfarrer lernte ich den Wach- und Wechseldienst der Beamten kennen. Da wurden allerlei Modelle erprobt, auch Zulagen und andere Vergünstigungen gewährt. Doch im Blick auf die Folgen war das Ergebnis ernüchternd. Der Körper gewöhnt sich an keinen wechselnden Schichtdienst. Andererseits funktioniert keine moderne Gesellschaft ohne den.

“Vier Stunden schläft der Mann, fünf, die Frau, sechs ein Idiot”, soll Napoleon gesagt haben. Von sich behauptete der Kaiser, kaum Schlaf zu brauchen. Doch, so Werner Bartens, Journalist und Redakteur im Wissenschaftsressort der Süddeutschen Zeitung, seinen Mittagsschlaf hielt der Eroberer heimlich oder er war tagsüber so übermüdet, dass er im Sattel einschlief (wobei sich der Leser fragt, ja fiel er da nicht herunter?) Bartens verrät nicht, woher das alles weiß. Dann referiert er aus den Ergebnissen der neueren Schlafforschung. Zu wenig Schlaf mache alt und ruiniere die Gesundheit, so ein Professor. Noch schlimmer: Schlafmangel schwäche die Immunabwehr, Wundheilung und mache anfällig für verstopfte Gefäße und eine gestörte Verdauung etc.pp. “Schlafmangel macht müde und dumm”, so das Resümee eines Forschers, den Bartens zitiert.

Bei Napoleon jedenfalls scheint letzteres nicht eingetreten zu sein. Als junger Unterleutnant der Artillerie bewohnt der leidenschaftliche Leser wie Schreiber ein Zimmer in einem Gartenhaus. Während dieser Zeit muß er sich zusätzlich um seinen kleinen Bruder Louis kümmern. Seiner Mutter schreibt der Korse nach Hause:»Ich gehe um 10:00 Uhr schlafen und stehe um 4:00 Uhr morgens auf. Ich esse nur einmal am Tag, das bekommt mir sehr gut«. Ein früher Beleg für Heilfasten?

In seinen Weltgeschichtlichen Betrachtungen berichtet Jacob Burckhardt (geb. 1897) von Napoleons Schubladentheorie. “Wenn ich eine Angelegenheit unterbrechen will”, so der Kaiser, “schließe ich die entsprechende Schublade und öffne eine andere… Will ich schlafen, schließe ich alle Schubladen und sogleich fallen mir die Augen zu”. Genial, dachte ich, als ich das las. Wenn die Theorie stimmt, müßte sie doch auch in einem stinknormalen Leben funktionieren. Doch eigene Versuche zu starten lohnt es allemal. Es könnte ja sein, daß auch hier Übung seinen Meister macht.

© Martin Krolzig