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2.8.23 Der gute Hirte

Glücklich schaut der Vater mit dem Lämmchen nicht aus. Ich vermute, dass Anneliese ihm das Tier in den Arm gelegt, schnell die Kamera nahm und sebst auf den Auflöseknopf drückte.

Ihr war klar, daß er mit den Tieren seiner Umgebung wie Pferden, Schweinen und Hühnern fremdelte. Genau wie sie selbst. Auch ihr Verhältnis zu Mutters landwirtschaftlichen Aktivtäten muß als distanziert beschrieben werden. Sie lebte in anderen Welten. Genau wie ihr Vater. Für den gehörte die Botschaft vom Guten Hirten ins Zentrum seines Berufsverständnisses.

Der Vater hält Bälies Jüngstes in seinen Armen. Das Milchschaf kaufte die Mutter über Bekannte in der Nähe von Berlin. Das besondere gegenüber den Merinoschafen, von denen Bauer Retzgen auch in Niemegk eine Herde besaß: Man gewinnt durch sie nicht nur Fleisch und Wolle, sondern auch besonders fetthaltige Milch. Und das monatelang. Schnell lernte Mutti Bälies kleine Zitzen zu melken.

Zusammen mit der Ziegenmilch trug sie der Junge in die Molkerei. Zurück brachte er die Information über die Höhe der Fettprozente. Auf die wartete die Familie am Frühstückstisch. Locker überstieg sie die Kuhmilch mit ihren 3,5 %. Daraus errechnete sich wiederum, mit wieviel Butter am Wochenende gerechnet werden durfte. Nur verbot es sich viel über die ganze Aktion zu reden. Wir befürchteten, dass irgendjemand von der Molkerei erklären könnte, dass die Anlieferung von Schafmild verboten sei.

Bälie mußte im Frühjahr gedeckt werden, um die Milchproduktion wieder in Gang zu setzen. Bei der Ziege ließ sich gut erkennen, wenn sie zum Bock mußte. Den gab es auch in Niemegk. Bockschulze nannte man seinen Besitzer in der Grünstraße. Da stank es gewaltig nach Ziegenbock. Der Junge brachte die Ziege am Strick dorthin. Man hatte ihm eingeschärft genau aufzupassen, um im Pfarrehaus am Kirchplatz berichten zu können, ob sie gestanden habe. Dann wußten alle, dass man in 150 Tagen mit kleinen Zicklein rechnen durfte.

Bei Bälie ließ sich nicht erkennen, wann der Bock willkommen war. Das noch größere Problem: In Niemegk gab es keinen Milchschaf-Bock. Doch in Haseloff. Mit dessen Besitzer vereinbarte die Mutter, dass unser Muttertier bei ihm für drei Wochen in Pension geht; dann sollte es schon klappen. Alles natürlich gegen entsprechende Bezahlung.

Also führte der Junge das Tier an einem Strick die 3 km nach ins Nachbardorf. Alles ging gut – bis er Bälie in den Stall mit dem Bock brachte. Der senkte seinen massigen Schädel, ging zwei Schritte zurück und traf dsnn den Jungen mit voller Wucht. Der flog im hohen Bogen ins Stroh. Als er versuchte wieder aufzustehen, nahm der Bock erneut einen kurzen Anlauf und rammte den Jungen erneut um. Da blieb er klugerweise liegen und wartete, bis ihn der Bauer aus seiner mißlichen Lage befreite.

Alles war vergessen, als nach fünf Monaten eines morgens zwei kleine Lämmchen an Bälies Zitzen zuzelten. Wenn es denen nicht schnell genug ging, halfen sie nach. Sie machten es wie der Bock: Sie stießen mit dem Kopf in das Euter, damit die Mutter-Milch flotter fließt.

Ich bin mir sicher, dass es Anneliese nicht um die animalische Seite des Fotos ging. Im Bild hörte sie die Botschaft vom Guten Hirten in seinen verschiedenen Facetten. Die zu vertreten war die Sache des Vaters. Von der Kanzel hatte er zu predigen, dass Jesus der Gute Hirte ist.

Ob die Abiturientin den Titel des Kaisers Augustus “Hirte der Völker” kannte und wußte, dass das im Alten Orient eine Allerweltstitulatur für die großen und kleinen Machthaber war? Man darf es annehmen. So steckt im Bekenntnis, Jesus ist der Gute Hirte die Botschaft: Er ist es, die anderen Machthaber sind es nicht. Der Vater ließ die Konfirmanden den 23. Psalm auswndig lernen. Damit sie für ihr Leben behielten: Der Herr ist mein Hirte.

Ich vermute, dass Anneliese eher an die Geschichte von dem guten Hirten dachte, die Jesus selbst erzählte: Der der seine Herde verläßt, um das eine, das abhandengekommene, verirrte, vielleicht auch unter die Räder gekommene zu suchen und es wieder zur Herde zurückzubringen. Ein Vorbild für alle Pastoren und Pastorinnen; zu gut Deutsch Hirten und Hirtinnen.

In unzähligen Variationen ist das Bild im kulturellen Gedächtnis der Christenheit festgehalten. Zu dem darf auch Günter Krolzig`s Foto mit Bälies Lamm gezählt werden.

© Martin Krolzig