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24.4.23 Harzreise

Jahre vor meiner Konfirmation bin ich mit Anneliese in den Harz gereist. Das hatte ich nie vergessen. Allerdings ging mir der Stellenwert jener Fahrt erst auf, als ich im März 2023 zwischen alten Fotos dieses Dokument fand.
Der Tripp muß mehr gewesen sein als das Ergebnis einer spontanen Idee. Von wem eigentlich wäre als nächstes zu fragen. Von den Eltern, oder vielleicht gar ein Angebot der älteren Schwester, die nicht wollte, dass eine Kleinstadt den Horizont für ihren Bruder absteckt und gleichzeitig auch für sie die Möglichkeit eröffnete, einmal wieder aus ihr herauszukommen?
Für die Harzreise der Geschwister bedurfte es sieben Jahre nach Ende des 2. Weltkrieges erheblicher Vorbereitungen. Eine Pension mit zwei Zimmern mußte gefunden werden. Doch für Telefonate jenseits der Fläming-Welt mußte man sich an das Fernmeldeamt wenden. Die Vermittlung konnte Stunden dauern wenn sie denn überhaupt zustande kam.
Ilsenburg am Fuße des Brocken lag im Sperrgebiet zu Westdeutschland. Konnte man sich über die Suveränität der jungen DDR noch Illusionen machen, spätestens hier kamen sie an ihr Ende. Die sowjetische Besatzungsmacht ließ keinerlei Zweifel über ihre Sicherheitsinteressen aufkommen.
Die elfeinhalb Jahre ältere Anneliese nannte der Junge die Große. Der Mutter sagte er einmal: Mit Anneliese diskutiert ihr und ich bekomme gleich einen Schlag hinter die Ohren. Was sollte die Dreiundzwanzigjährige auch mit einem Bruder anfangen, der noch in seiner Spielzeugwelt lebte, sage ich mir heute.
Zwei Welten prägten Annelieses Leben. Musik und Bücher. Sie war eine große Leserin. „Anneliese sitzt schon über eine Stunde auf dem Klo“, hörte ich die Mutter klagen, wenn sie sie wieder einmal vergeblich gesucht hatte. Später fand man dort z. B. den Felix Krull von Thomas Mann.
In Ilsenburg angekommen packte mich als erstes eine schmerzhafte Mandelentzündung. Anneliese überraschte mich Anna Jürgens „Blauvogel. Wahlsohn der Irokesen“. Es war mein erstes Buch. Noch heute kann ich einzelne Episoden wiedergeben.
Das bemerkenswertew Buch war 1950 im Ost-Berliner Verlag „Neues Leben“ herausgekommen. Name wie Verlagsprogramm spiegelte den Geist des Aufbruchs wieder, der Ende der Blockade für kurze Zeit die ganze Hauptstadt durchpustete.
Die Verfasserin, im Rheinlandin geboren, lebte wohl in Berlin, zählte aber nicht zu den DDR-Autoren. Dennoch gewann „Blauvogel“ auf Anhieb ein Preisausschreiben des Ministeriums für Volksbildung der DDR. Man wollte damals eine neue Jugendliteratur schaffen jenseits der alten Welt des Sachsen Karl May.
Lediglich für „Blauvogel“ nutzte die Autorin das Pseudonym Anna Jürgen. Anna Tannewitz, so ihr richtiger Name, war mit dem Indianerforscher Werner Müller verheiratet war. Sie wollte für junge Leser auf wissenschaftlich fundierter Basis schreiben.
Das alles wußte Anneliese natürlich. Damit punkte sie bei mir gleich zu Beginn unserer Harzreise.
Weniger erfolgreich war sie mit ihrem Brocken Programm.
Ende des 1. Teils der Harzreise
© Martin Krolzig