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12.1.24 Bruder Werner

Ein letztes Foto vor der Katastrophe. Gustav Krolzig mit seiner Ehefrau Meta geb. Schöndau. Zusammen mit ihren Söhnen Günter und Werner. Reinhard, der Dritte fehlt. Zufall? Er sollte eigentlich ein Mädchen werden. In den ersten Lebensjahren wurde er versteckt und mußte Röcke tragen. Ein früher, unfreiwilliger Trans-Mensch.
Gustav, mein Großvater, starb überraschend am 8. Januar 1923. Da war der älteste seiner Söhne, also mein Vater, gerade 20. Der hatte bereits Jahre zuvor das Erbe zugunsten des zweitgeboren Werner ausgeschlagen (s. Blog Abgedunkelt).
Spannungsfrei ging es in der Famlie nicht zu. Ein Detail macht das sichtbar. Günter, der Theologiestudent, zeigt sich als einziger barhäutig. Er revoltierte gegen vieles. Die herrschenden Üblichkeiten setzte er für sich außer Kraft. Die aus Überzeugung liberalen Eltern nahmen es lächeld hin. So artikuliert sich gepflegte Toleranz als Teil der Berliner DNA.
Werner dagegen, stets vom Scheitel bis zur Sohle korrekt gekleidet, trägt neben Hut und Einstecktuch am Finger einen Siegelring. In der Hand hält er als weiteres Accessoire einen Spazierstock. Zum Hemd trägt er im Gegensatz zu Vater und Bruder keinen Schlips sondern eine modische Fliege.
Nur ein Schönling? Das wäre eine fatale Fehleinschätzung des 18jährigen. Der mußte nach dem Tod des Vaters aus dem Stand die Geschicke der Firma lenken. Das heißt, den Holzhandel wie das Sägewerk in Passenheim. Und das in den wirtschaftlich schwierigen Zeiten nach dem 1. Weltkrieg. Das muß er mit Bravour geschafft haben.
Wenn von den Eltern immer wieder kolportiert wurde, wie der schöne Herr Krolzig im Berliner Adlon verkehrte und es dort krachen ließ, spiegelt sich darin das Bild von Werner K. nur verzerrt wieder. Die Basis von allem bestand in seinem wirtschaftlichen Erfolg. Den muß er sich hart erarbeitet haben.

Das Bild, fotographiert von Bruder Günter, muss aus der ersten Hälfte der 30er Jahre des vorigen Jahrhunderts stammen. Das mache ich am Geburtsdatum meiner Schwester Anneliese 1929 fest. Ein paar Jahre danach muss sie mit ihren Eltern nach Passenheim in Ostpreussen gereist sein.
Als Erstes fällt die kerzengerade wie überhaupt tadellose Haltung von Bruder Werner in den Blick. Dann der Terrier als Kulttier der 20er und 30er Jahre. Alles wirkt wie selbstverständlich.
Dahinter der zu einem See erweiterte Fluss mit den schwimmenden Baumstämmen. Die warteten darauf verarbeitet zu werden. Dafür standen mehrere Gättersägen bereit, die durch Wasserkraft betrieben wurden. Einen Beleg dafür, dass Werner Anschluss an den wirtschaftlichen Erfolg Deutschlands gefunden hatte.
Bald nach der Aufnahme begann der 2. Weltkrieg. Obwohl der Sägewerksbesitzer näher an der Front im Osten lebte, schien der Krieg weit weg zu sein. Gerne wüsste ich, welche Nachrichten Bruder W. von dort erreichten. Begriff er, dass in Russland ein von Deutschland entfesselter Vernichtungskrieg gegen sog. slawische Untermenschen tobte, hörte er, sei es auch nur als Gerücht, vom tausendfachen Morden der Polizeibataillone an Juden in den baltischen Staaten, alles nicht weit weg von Passenheim?
Später erfuhr ich von seiner Tochter C., dass er mit der Frau seines besten Freundes eine Affäre begann, während der als Soldat in Russland diente. Beide waren Eltern von zwei Kindern.
Ob es stimmt, was meine Mutter erzählte? Lotti habe auf eine Legalisierung der Verbindung bestanden, weil sie kein “Verhältnis” sein wollte.

Bilder obere Zeile: 15. August 1941 Königsberg, daneben mit der gleichen Angabe auf der Rückseite in W.´s Handschrift. Darunter auch handschriftlich: “Claudia Karina Krolzig, geb. 24.9.44 3 Tage alt.”

Werner K. mit seiner Mutter aus Berlin kommend bei der Ankunft in Rädigke anläßlich der Taufe des Jungen am 23. Februar 1941. Er übernahm das Amt eines Paten und blieb mir bis zu & nach meiner Übersiedlung in die Bundesrepublik 1961 in Liebe & Treue verbunden

Ein Bild der Familie schon bald nach der Flucht in den Westen. Frank und Eva Bierich aus der ersten Ehe seiner Frau Charlotte, meiner Tante Lotti. Für beide Kinder wußte er sich wie ein leiblicher Vater verantwortlich.Die gemeinsame Tochter Claudia auf dem Schoß von Onkel Werner. Doch die Strapanzen der letzten Jahre haben in seinem Gesicht ihre Spuren hinterlassen. Um so mehr sticht seine kerzengrade Haltung erneut ins Auge.
Doch nach diesem Vorgriff muss der Faden an der Front im Osten wieder aufgenommen werden. Die kannte lange nur eine Richtung. Bis es 1941 zur Wende im Stalingrad kam und sich die Sowjettruppen der Reichsgrenze immer bedrohlicher näherten.
Spätestens im September 1944, als Claudia geboren wurde, mussten Lotti und Werner K. klar geworden sein, dass alles verloren war. Die Rote Armee eroberte in der Schlacht um Königsberg im April 1945 die Stadt, in der sie geheiratet hatten.
Werner blieb nur die Flucht Richtung Westen. Eines Tages traf er mit seiner Familie und seinen französischen Fremdarbeitern bei seinem Bruder in Niemegk ein. Alles verstaunt und verladen auf einem resp. mehreren Fahrzeugen mit Holzvergasern.
Doch der Fläming war auch nur eine Zwischenstation. Beide Familien flohen getrennt weiter in Richtung Westen. Die Familie von Günter K. wurde sehr bald von der Sowjetarmee überrollt. Die von Werner K. schaffte es immerhin noch bis Magdeburg. Doch über die Elbe ließen Russen und die US-Truppen niemand.
© Martin Krolzig