Blog
25.4.26 Mein Vater
Es geht um meinen Vater, um Günter Krolzig. Länger hatte ich überlegt, wie ich die Datei nennen sollte. Vielleicht “Der Vater”? Doch der schied schnell aus, weil er durch den Titel des Romans von Jochen Klepper vergeben war. Hinzu kommt, dass der Alte Fritz nicht zu den sonderlich sympathischen Zeitgenossen zählt. Doch ich wollte die Geschichte meines Vaters genauso persönlich wie liebevoll schildern. Vielleicht “Väterchen”? Das hatte er einmal als Widmung in ein Buch geschrieben, das er mir während meiner Studentenzeit aus der DDR nach Marburg schickte. Doch auch den verwarf ich, weil der doch eine Nummer zu dicke gewesen wäre, wie der Berliner zu sagen pflegt. Und mein Vater war nun mal mit Spreewasser getauft.
Doch ich blieb zunächst beim beim Stichwort Jochen Klepper hängen. Im Evangelischen Kirchengesangbuch stehen unter der Nummer 14 die fünf Strophen seines Liedes »Die Nacht ist vorgedrungen«. Das Schicksal Kleppers beschäftigte, ja erregte uns in den Jahren nach dem Krieg. Der Dichter war mit einer jüdischen Frau verheiratet. Er hoffte noch1944 durch besondere Verbindungen mit ihr nach Schweden ausreisen zu können. Doch die Möglichkeit zerschlug sich im letzten Moment. In der ausweglosen Situation entschieden sie sich gemeinsam zu sterben. Ob man das Gedicht eines Selbstmörders in ein Gesangbuch aufnehmen dürfe, sorgte damals für zusätzliche Diskussionen.
Meine Eltern ließen mich den Text des Liedes lernen. Bei einer Gemeindeversammlung in einem Niemegker Gasthaus musste ich die fünf Strophen auf einer erhöhten Bühne stehend vortragen. An mein Herzklopfen erinnere ich mich noch genau. Viele meine Klassenkameraden saßen unter den Zuhörern. Ich erkannte auch den einen oder anderen Lehrer. Unter ihnen die Frau des Schulleiters. In den ersten Jahren der DDR war das noch möglich.
Doch das das änderte sich schnell und gründlich. Insbesondere als Otto Dibelius zum Bischof der Berlin-Brandenburgischen Kirche mit Dienstsitz in Westberlin ernannt wurde. Bis zum Mauerbau am 13. August 1961 konnte man grundsätzlich frei hin und her reisen. Für die DDR-Oberen war der Bischof eine Mischung aus rotem Tuch und Gottseibeiuns. Der wollte den Superintendenten des Kirchenkreises Niemegk zu einer bischöflichen Visitation aufsuchen. Die kritischen Untertöne waren auch kirchlicherseits unüberhörbar. Immerhin war mein Vater der einzige Superintendent, der noch vom alten Berliner Oberkirchenrat vor 1945 ernannt worden war.
In einem der Vorgespräche äußerte Dibelius eine Bitte. “Bruder Krolzig, sorgen Sie dafür, dass das Amt des Bischofs durch eine geeignete Sitzgelegenheit zu Geltung kommt”. Das stürzte alle in nicht geringe Verlegenheiten. Bis mein Vater auf die Idee kam, sich an die kommunistische Bürgermeisterin auf der Straßenseite gegenüber zu wenden. Die lieh ihm aus dem Fundus des Rathauses einen repräsentativen Stuhl. Auf dem thronte später der körperlich etwas kurz geratene Dibelius. Als alles vorbei war sagte er zu meinem Vater wieder wie nebenbei: “Bruder Krolzig, die Sitzgelegenheit für den Bischof war ausgezeichnet”.
Doch die Frage blieb, was wusste wer über die Vorgeschichte meines Vaters. Er selbst zählte sich zu den Sozialisten. Für den späterem Pfarrer aus Rädigke war es deshalb genauso folgerichtig wie für andere unverständlich, dass er noch vor 1933 Mitglied der NSDAP wurde. Er hörte und sah in dem Namen wohl nur das “sozialistisch”. Doch bei den Nazis eckte er bald an. Wie später Anneliese meiner Tochter Sabine berichtete, wurde sehr bald ein Verfahren gegen ihn eingeleitet, um ihn aus der Partei zu entfernen. Das war nicht ungefährlich. Alle Verstrickungen beendete er auch öffentlich, in dem er seinem 1941 geborenen Sohn auf drei biblisch-christliche Vornamen taufen ließ: Christoph Martin Michael.
Mein Vater musste nicht Soldat werden. Genau wie seine beiden Brüder Werner und Reinhardt. Sie waren u.k. (unabkömmlich) gestellt. Ihre Mutter wurde so davor bewahrt, um einen ihrer Söhne trauern zu müssen. Für mich schuf das allerdings neue Probleme. In meiner Niemegker Grundschulklasse war ich der einzige, dessen Vater im Kreis der Familie lebte. Alle anderen waren tot oder galten als vermisst. Glücklich machte mich das nicht. In mir löste es nur Scham aus.
Über seine gesammelten Irrtümer sprach mein Vater selbst allerdings nie. Weder mit mir noch mit anderen. Aber sein Lernprozess war unübersehbar. Ich hatte den Eindruck, dass im Rückblick seine Entwicklung vor 1945 für ihn zu einer Art Probelauf für die neue Zeit wurde. Er machte sich auf dem Hintergrund der eigenen Entwicklung keine Illusionen über Unzulänglichkeiten, Irrtümer und Verstrickungen seiner Amtsbrüder im Kirchenkreis, die er als gegeben hinnahm. Er wusste, wer für die Stasi arbeitete, wem vor Angst die Hosen schlotterten und wer nur an gutem Essen und Trinken interessiert war. Im Kreis der Familie sprachen wir offen darüber. Moralisches Urteilen vom hohen Ross war seine Sache nicht.
Das betraf genauso die persönliche Beziehung zu mir, seinem Sohn. Doch das gehört in ein anderes Kapitel.